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Biennale in Istanbul : Suggestive Gesten und weite Wege

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Für die Zukunft peile man eine Million an, erklärt Bülent Eczacibasi, Vorsitzender der 1973 von seinem Vater gegründeten Istanbuler Stiftung für Kunst und Kultur. Die Eczacibasis gehören zu den liberalen Unternehmerfamilien, die sich gegen Repressionen der AKP-Regierung um den Erhalt einer international orientierten Zivilgesellschaft bemühen - wie auch der Hauptsponsor der Biennale, die Koc-Familie, die mit Geld aus Energie-, Finanz- und Waffenwirtschaft seit dreißig Jahren den internationalen Aufstieg der türkischen Gegenwartskunst fördert und in den kommenden Jahren ein neues Museum für Gegenwartskunst eröffnen wird. „Wir wollen Istanbul in eine der führenden kulturellen Metropolen der Welt verwandeln“, erklärt Eczacibasi.

An der Biennale wird das nicht scheitern, sie war noch nie so prominent besetzt wie in diesem Jahr. „Saltwater: A Theory of Thought Forms“, hat Christov-Bakargiev sie betitelt und bei der Eröffnung die Schriftstellerin und Lebensgefährtin Virginia Woolfs Vita Sackville-West ebenso zitiert wie die Biologin Donna Haraway, Wegbereiterin für den unter Künstlern hoch im Kurs stehenden technikbejahenden Cyber-Feminismus. Das Konzept der „Gedankenformen“ ist dem Werk der 1933 verstorbenen Theosophin Annie Besant entlehnt, deren kosmische Zeichnungen im „Channel“ hängen, einem Kabinett im Museum Istanbul Modern, das wie 2012 das „Brain“ in Kassel zentrale Assoziationen der Kuratorin versammelt: Zeichnungen des italienischen Jugendstil-Architekten Raimondo Tommaso D’Aronco, der für den Sultan halb Istanbul entwarf treffen auf halbgute, eher zufällig ausgewählt wirkende Gegenwartskunst. Wie schon in Kassel zeigen sich die handwerklichen Schwächen von Christov-Bakargievs charismatischem Kuratieren, sobald sie in geschlossene Museumsräume geht: Weder in der Istanbul Modern noch im Privatmuseum Arter treten die Werke in Dialog. Die einzelnen Positionen werden zur Illustration eines Gesamtkonzepts. Wer als junger Künstler in die Ausstellung kommt, findet keine produktive Fragestellung vor, die zu neue formale Entwürfe anregen könnte.

Salzwasser in vielen Gestalten

Salzwasser pumpt im Rhythmus eines Blauwal-Herzens fünf mal pro Stunde durch die Schläuche, mit denen Pinar Yoldas eine Yacht umwickelt hat. Salz tanzt im Bauch der Yacht auf elektrisch zitternden Platten von Marcos Lutyens. Tacita Dean hat einen Ball aus Salz geformt. Salzwasser durchtränkt unsere Kleider beim Ablaufen der Stationen, sind doch auch wir wandelnde Salzwasserbehälter. Salzwasser ist die zentrale Metapher für Christov-Bakargiev. Die Wellen der Geschichte, aus denen sich immer wieder Knoten bilden: Kriege, Völkermorde, vorübergehende Imperien. In einer verlassenen griechischen Schule, die schon für frühere Biennalen diente, entfaltet Anna Boghiguian auf großen Segeltüchern, die wirken wie von Naturgewalt geformt, und in unzähligen Zeichnungen Salzmetaphern rund um die Geschichte der Sklaverei.

Nun ist freilich auch die internationale Kunstwelt eine Sklavenwirtschaft, die sich in Wellen über die Welt bewegt, auf der Suche nach dem wertvollen Kristall der Kunst, Knotenpunkte der internationalen Aufmerksamkeit bildend, repräsentiert durch Museumsdirektoren und Starkuratoren, die, am Smartphone hängend, auf Kutschen durch das schwitzende Fußvolk jagen. Nie floss in Istanbul so viel Geld in die Produktion wie in diesem Jahr. Ja, sagt die Pressesprecherin nach kurzem Nachdenken, wir hatten ein größeres Budget, aber die Wahrheit ist: Es gibt, ähnlich wie in Venedig, fast kein Budget. Fast jede Neuproduktion ist durch Sammler vorfinanziert, die dafür die fertige Arbeit erhalten, während die Künstler für ihre Arbeit leer ausgehen. Wenn Ausstellungen wie diese um das Öffentliche ringen, dann sollten sie auch die Frage nach ihren eigenen Produktionsbedingungen stellen - so dass, wie es allmählich etwa in Schweden diskutiert wird, nicht nur Privatleute von solchen vorteilhaften Deals profitieren können, sondern auch öffentliche Institutionen.

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