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Zum Tod von Martin Roth : Er erfand das Museum neu

  • -Aktualisiert am

Martin Roth im Londoner Victoria and Albert Museum Bild: Theiner, Micha

Martin Roth war nicht nur ein großer Kurator, sondern auch ein Genie des Fundraising. Unter seiner Ägide erblühten die Museen. Jetzt ist der Ausstellungsmacher gestorben.

          2 Min.

          Man müsste ihn einen Museumsmacher nennen. Martin Roth machte nicht nur Ausstellungen, besorgte das Geld, kümmerte sich um den politischen Kontext und tat, was alle Museumsdirektoren tun. Er erfand das Museum neu, und zwar jedes, das man ihm anvertraute. Er erweckte die Häuser aus dem Schlaf, erinnerte sie an ihre Idee und gab ihnen eine Anziehungskraft, zumal auf junge Besucher, die niemand diesen ehrwürdigen Kästen zugetraut hätte. Er spielte auf ihnen, machte Jazz mit den Museen, und wenn er weiterzog, verstummten die Instrumente. Zurück blieb das Rauschen der Routine.

          Dreißig Jahre hatte Martin Roth, um die Museen aufzurütteln und an ihre Jugend, ihr Talente und ihren Auftrag zu erinnern. Der 1955 in Stuttgart Geborene war 1987 in Tübingen promoviert worden. Er hatte über die Geschichte der Weltausstellungen geforscht und sein Lebensthema gefunden. Nur in einer Phase, der härtesten seiner Karriere, sollte er buchstäblich Weltausstellung „machen“ – als Leiter des Themenparks der Expo 2000 in Hannover. Aber als unsichtbarer Faden zog sich durch seine gesamte Museumsarbeit der Gedanke der Weltpolitik. Politik im Zeichen der Globalisierung hieß das Medium, in dem Martin Roth sein Wirken reflektierte.

          Dabei war er alles andere als ein Doktrinär. Ein Polemiker, wo es nötig schien, wollte er doch niemals belehren. Das Museum musste seine spezielle Botschaft anders entfalten, mit den ästhetischen Mitteln, über die es verfügte, mit den Reichtümern seiner Sammlung, dem Reiz seiner Originale. Glanz ließ sich für Roth ebenso als barocke Prachtentfaltung buchstabieren wie als Glamour der Pop-Ära. Das Victoria and Albert Museum, dessen Leitung ihn nach zehn Jahren aus der Generaldirektion der Sächsischen Kunstsammlungen aus Dresden nach London führte, beglückte Roth nicht mit Ausstellungen über die Welt der Ägypter oder der Viktorianer, sondern mit Blockbustern über David Bowie, Bob Dylan, Alexander McQueen und die Ästhetik der Revolte. 2016 trugen sie dem V&A den Titel „britisches Museum des Jahres“ ein.

          Durch gutes Aussehen, Eleganz und sonore Stimme zum Diplomaten bestimmt, konnte Martin Roth seine Häuser glänzend repräsentieren. Hinzu kam sein Talent als Erklärer. Er konnte das Anliegen einer Ausstellung so eingängig und eindringlich darstellen, dass sich Türen und Brieftaschen wie von selbst öffneten. Roth wurde zu einem Genie des Fundraising, ohne sich dieser Gabe zu schämen, wusste er doch, welchen Brennstoff der wichtigste Motor musealen Erfolgs brauchte. Dieser Motor hieß Forschung. Martin Roth wurde nicht müde, seine Kollegen daran zu erinnern, dass Museen, die aufhörten, Forschung zu betreiben, sich selbst aufgäben.

          Zweimal im Leben wirkte Roth als Pionier. Er war der erste westdeutsche Kurator, der 1991 als Museumsleiter nach Osten ging: an das „Deutsche Hygiene-Museum“ in Dresden. Zwei Jahrzehnte später war er der erste Deutsche, der mit dem V&A eines der Kronjuwelen der britischen Museen übernahm. Von Dresden, London und wieder Berlin aus machte Roth Weltkulturpolitik: Ausstellungen in Russland und China, zuletzt eine Kuratur für Aserbaidschan in Venedig. Den Kritikern dieser Engagements hielt er den Wert der Zusammenarbeit mit Kollegen in repressiven Regimes entgegen: eine Stärkung der Zivilgesellschaft. 2016 zum Präsidenten des Instituts für Auslandsbeziehungen ernannt, schickte sich Roth an, zum dritten Mal in politisches Neuland aufzubrechen. Dieser Aufbruch war ihm nicht mehr vergönnt. Am Sonntagmorgen ist Martin Roth in Berlin gestorben.

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