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Maler Nicolas Poussin : Der Hirtengott wird abgekühlt

  • -Aktualisiert am

Geordneter Taumel: Nicolas Poussins „Der Triumph des Pan“, 1636. Öl auf Leinwand, 135,9 x 146 cm. Bild: The National Gallery London

Die Vergänglichkeit und die Vergeblichkeit aller Dinge: Die National Gallery zeigt, was der französische Barock-Maler Nicolas Poussin im Tanz sah.

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          Als Anthony Powell unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg seine Gedanken über ein Romanvorhaben sortierte, zog ihn bei einem Besuch der Londoner Wallace Collection Nicolas Poussins „Tanz zur Musik der Zeit“ in einen „beinahe hypnotisierenden Bann“. Die Begegnung mit den sich im ewigen Reigen drehenden Figuren glich einer Offenbarung. Sie gab dem Schriftsteller nicht nur den Titel, son­dern auch die Struktur seines zwölfbändigen roman-fleuve, „Ein Tanz zur Musik der Zeit“, der ihm den Beinamen des englischen Proust eintrug. Er habe so­fort gewusst, erzählte Powell später, dass Poussin zumindest einen wichtigen As­pekt dessen zum Ausdruck gebracht ha­be, was der Roman sein müsse.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Gleich zu Beginn beschwört bei Powell der Anblick einer um ein Koksfeuer ge­scharten Gruppe von Straßenarbeitern, die sich im Schneefall „mit großen, pantomimischen Gebärden“ die Hände reiben und die Arme um den Körper schlagen, beim Ich-Erzähler nicht auch Poussins Gemälde. Es weckt in ihm Gedanken an das irdische Leben, „an die Menschen, wie sie, nach außen gewandt wie die Jahreszeiten, sich Hand in Hand in verschlungenem Rhythmus bewegen; wie sie langsam, methodisch und manchmal leicht unsicher schreiten in Wendungen, die erkennbare Formen annehmen, oder wie sie ausbrechen in wilde, scheinbar sinnlose Drehsprünge, während ihre Partner verschwinden, nur um dann wieder zu erscheinen und erneut dem Schaustück eine Struktur zu geben; wie sie un­fähig sind, die Melodie, und unfähig auch, die Schritte des Tanzes zu bestimmen.“

          Antike Anregung: Die marmorne Gaeta-Vase aus dem ersten Jahrhundert v. Chr.
          Antike Anregung: Die marmorne Gaeta-Vase aus dem ersten Jahrhundert v. Chr. : Bild: Museo Archeologico Nazionale di

          Von diesem endlosen, ungeordneten Reigen des Lebens erzählt Powell auf mehr als dreitausend Seiten. Er wusste sehr wohl von der Deutung der Figuren in Poussins rätselhaftem Bild als Armut, Arbeit, Reichtum und Freude, zog es jedoch vor, sie als die tanzenden Jahreszeiten zu sehen. Im Zusammenhang mit seiner Stimmung seien spätere Interpretationen genauso zutreffend, schrieb Powell in seinen Erinnerungen. Wie auch immer man sie deuten mochte, es sei eindeutig, dass die vier Hauptfiguren zur Melodie der Zeit tanzten.

          Form und Ausdruck

          In der großartigen Ausstellung der Londoner National Gallery über Nicolas Poussins Beschäftigung mit dem Tanz als Mittel zur Gestaltung von Form und Ausdruck führt alles auf die für Giulio Rospigliosi, dem späteren Papst Clement IX., gemalte, zum ersten Mal seit mehr als hundertzwanzig Jahren ausgeliehene Allegorie des mensch­lichen Lebens hin, die Powell so folgenreich berührt hat. Das Bild aus der Wallace Collection hat ganz am Schluss ei­nen kontemplativen Raum für sich al­lein. Powell findet in dieser kunsthistorischen Auseinandersetzung allerdings keine Erwähnung, obwohl man denken würde, dass er zumindest für das englische Publikum ein Zugpferd sein könnte, zumal er, wenn auch auf weniger erhabene Art, die gleiche Idee hatte, die ein an der Wand neben dem Gemälde angebrachtes Zitat aus einer frühen Biographie Poussins dem Maler zu­schreibt: das menschliche Leben in der Form eines Tanzes darzustellen.

          A Dance to the Music of Time, about 1634-6 Oil on canvas 82.5 x 104 cm.
          A Dance to the Music of Time, about 1634-6 Oil on canvas 82.5 x 104 cm. : Bild: Wallace Collection

          Die National Gallery besitzt nach dem Louvre den größten Bestand an Werken Poussins. Dennoch ist dies die erste Londoner Ausstellung des ob seiner klassischen Strenge und seiner Intellektualität oft als unnahbar empfundenen Künstlers seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Mit dieser Einladung zum Tanz wollen die beiden Kuratorinnen Emily Beeny und Francesca Whitlum-Cooper Poussin denn auch in einem anderen, fröhlicheren Licht zeigen. Mänaden und Bacchanten taumeln sich in ausgelassener Stimmung an den Wänden der Gemäldegalerie entlang. In der hinreißenden lavierten Federzeichnung eines Tanzes vor der Herme des Pan aus der Sammlung der Königin erlaubt sich der Künstler sogar den anzüglichen Witz, eine der tollenden Frauen darzustellen, wie sie im Vorbeitanzen einen abkühlenden Krug Wein über das Glied des Hirtengottes ausschüttet, während am anderen Bildrand ein Mädchen die Avancen eines Satyrs abwehrt.

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