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Deutsches Design 1949 bis 1989 : Kunststoff inspirierte in Ost wie West

Tabletts und Schalen, entworfen 1959 von Albert Krause, in dieser Ausführung gefertigt 1960 im VEB Plasta Preßwerk Auma Bild: Kunstgewerbemuseum, SKD, Foto Gunter Binsack

Man mag kaum glauben, dass dafür dreißig Jahre ins Land gehen mussten: Eine erste Gesamtschau deutschen Designs aus der Zeit der Teilung zeigt die Verflechtungen, Spiegelungen und Brüche deutsch-deutscher Formgebung.

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          Die schwarz-weißen Fotos wirken beinahe wie aus einem Möbelkatalog. Sie zeigen deutsche Wohnzimmer Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre, und es ist nicht sofort zu erkennen, ob sie in Ost- oder Westdeutschland aufgenommen wurden. Der Geschmack der Mehrheit jedenfalls unterschied sich damals unabhängig vom Gesellschaftssystem kaum. Schrankwand, Sofa, Gummibaum waren wichtige Bestandteile des Wohnens in der Bundesrepublik und in der DDR. Allenfalls die Namen der Fotografinnen, Sibylle Bergemann und Herlinde Koelbl, dürften Kennern einen ersten Hinweis auf die Herkunft geben. Doch soll Letztere eigentlich keine große Rolle spielen in der Ausstellung „Deutsches Design 1949–1989“, die in einer Zusammenarbeit des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und des Vitra Design Museums in Weil am Rhein entstanden ist.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Es geht um deutsch-deutsche Designgeschichte auf Augenhöhe“, sagt Marion Ackermann, Direktorin der Dresdner Sammlungen, und die Augenhöhe betont sie besonders. „Wir haben keinen vergleichenden Ansatz gewählt, allein die Qualität steht im Vordergrund.“ Wie viel es davon gerade auf Ostseite noch zu entdecken gibt, erzählt auch Mateo Kries, Chef des Vitra Design Museums, in dem die Schau bereits im Frühjahr, jedoch pandemiebedingt nur kurz, zu sehen war. „Bis heute ist der Blick auf das deutsche Design zwischen 1949 und 1989 von Antagonismen zwischen Ost und West sowie damit verbundenen Klischees geprägt“, sagt Kries.

          Stereoanlage RK 5 „Sensit“, entworfen von Karl Clauss Dietel und Lutz Rudolph. VEB Gerätebau Limbach-Oberfrohna (Receiver) und VEB Statron Fürstenwalde (Lautsprecher), 1967 Bilderstrecke
          Zwei Länder, eine Geschichte : Exponate aus der Dresdner Ausstellung

          Als Merkmal des DDR-Designs gelte Retro-Plastikware, während das Pendant in der alten Bundesrepublik als Ausdruck funktionalistischer Ästhetik der Ulmer Schule gesehen werde. Doch die Realität sei wie so häufig auch hier komplexer. Das dreißigste Jubiläum der Wiedervereinigung im vergangenen Jahr habe ihm, dessen Haus eine zwangsläufig sehr westlich geprägte Sammlung beherbergt, bewusst gemacht, wie wenig auch die gemeinsamen Ursprünge der Designer in Ost und West bisher berücksichtigt wurden.

          Die Ost-Bedingungen waren zweifellos schwieriger, und trotzdem entstand in der DDR wegweisende Formgebung oder Formgestaltung, wie man damals – in beiden Teilen Deutschlands – sagte. Wie sollte es auch anders sein, sind doch die gemeinsamen Ursprünge maßgeblich das Bauhaus und der Deutsche Werkbund, dessen Absolventen nach dem Krieg in beiden deutschen Staaten lehrten und arbeiteten. Exemplarisch dafür stehen etwa das von Margarete Jahny 1950 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden entworfene Stapelkännchen, aus dem wenige Jahre später gemeinsam mit Erich Müller die Gastronomie-Geschirrserie „Rationell“ entstand, die in der ganzen DDR verwendet wurde, und das im Westen von Hans Roericht in den Fünfzigerjahren entwickelte, ganz ähnlich anmutende Hotelstapelgeschirr „TC 100“, das wiederum in der Bundesrepublik sehr verbreitet war.

          Auch für den westdeutschen Markt produziert

          Rund vierhundert klug gewählte Exponate aus vier Jahrzehnten haben die Ausstellungsmacher zusammengetragen, die sie in drei zeitlichen Themenbereichen präsentieren: die Jahre nach dem Krieg, die Zeit nach dem Mauerbau sowie die Achtzigerjahre als eine in beiden Ländern prägende Phase von Protest, Krise und der Suche nach Alternativen. Beginnend mit den Jahren des Wiederaufbaus, zeigen sie, wie in Ost und West Design-Institutionen und Hochschulen für Gestaltung (wieder-)eröffneten, sich Traditionsfirmen wie Jenaer Glas nun an zwei Standorten (in diesem Falle Jena und Mainz) etablierten und, inspiriert vom Erbe der Vorkriegsmoderne, nun beiderseits der Grenze ähnliche Produkte hervorbrachten. Sie alle einte der Wunsch, mit nützlichen und praktisch gestalteten Alltagsobjekten am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitzuwirken. Zu sehen sind Möbel, Radios, Geschirr, die lediglich durch dezent angebrachte Hinweise als ost- oder westdeutschen Ursprungs zu identifizieren sind.

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