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Hellenistische Bronzeplastik : Bärin im Schatten der Aachener Domkuppel

  • -Aktualisiert am

Und rechts schaut eine Bärin zu: Die Löwenhatz auf dem hellenistischen Jagdfries im sogenannten Philippsgrab von Vergina könnte die Vorlage für die Tierkampfgruppe mit der Aachener Bronze gewesen sein. Bild: AKG

Unbemerkt von der Kunstgeschichtsschreibung steht in Aachen die einzige hellenistische Bronzeplastik nördlich der Alpen: Mit einem Alter von 2300 Jahren gilt für sie nicht nur derzeit das Kontaktverbot.

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          Seit der Nachkriegszeit werden die Besucher beim Betreten der Westvorhalle des Aachener Doms von zwei Bronzekunstwerken begrüßt. Auf Sockeln stehen zur linken Seite ein Pinienzapfen und zur rechten eine Bärin. Letztere wurde früher als Wölfin, gar als lupa carolina, bezeichnet und soll von Karl dem Großen über die Alpen gebracht worden sein und aus der späteren römischen Kaiserzeit stammen. Neuere Forschungen kommen bezüglich des Alters zu anderen, spektakulären Ergebnissen.

          Die in Rede stehende Tierplastik ist mit einer Höhe von 84 Zentimetern unterlebensgroß und bis auf das in Messing ergänzte linke Vorderbein gut erhalten. Der qualitätvolle antike Bronzeguss gibt keine äußerlichen Hinweise auf eine konkrete Datierung in eine bestimmte Epoche der Antike. Die frühere Interpretation als Wölfin ist allerdings seit längerer Zeit obsolet. Hatte doch der Klassische Archäologe Ernst Künzl bereits 2002 konstatiert, dass das Stück seit dem Mittelalter in Aachen nachgewiesen ist und sehr wahrscheinlich aus griechisch-hellenistischer Zeit stammt. Dargestellt ist eine Bärin mit von der Milch geschwollenen Brustzitzen, was auf ihren Nachwuchs verweist. Zudem führt ein bezeichnendes Detail zu der zwingenden Schlussfolgerung, dass die Bärin kein Einzelwerk, sondern Teil einer Bronzegruppe war. Die Bärenbronze wäre somit ein singuläres hellenistisches Original. Diese Meinung hat interessanterweise der streitbare Wiener Kunsthistoriker Josef Strzygowski bereits 1904 in seiner leider vergessenen Protestschrift zum Aachener Dom vertreten.

          Schmerzenstier: Die Bärin im Aachener Dom aus einer antiken Jagdgruppe
          Schmerzenstier: Die Bärin im Aachener Dom aus einer antiken Jagdgruppe : Bild: Imago

          Die archäologische Forschung zeigte bislang kein sonderliches Interesse an diesen bahnbrechenden Ergebnissen. Dies hatte etwa zur Konsequenz, dass die Bärin in der monumentalen Jubiläumspublikation zum Karlsjahr 2014 keine Erwähnung fand. Anders verhielt es sich jedoch im Werk „Der schwimmende Souverän“ des Berliner Kunsthistorikers Horst Bredekamp, der anlässlich der 1200. Wiederkehr des Todestags von Karl dessen Herrschaftsverständnis neu interpretierte. Dabei griff er auch auf Künzls Forschungen zur Aachener Bärin zurück. Nach Bredekamp sollte im karolingischen Bildprogramm, etwa durch die Zähmung wilder Bestien oder durch Jagden in der Nähe der Aachener Pfalz, gezeigt werden, wie Karl der Große die Herrschaft auch über das Natur- und Tierreich errang. Innerhalb dieses Konzepts ist die Stellung der hellenistischen Bärenbronze allerdings nicht gesichert, denn bislang findet sich kein Beweis dafür, dass die Plastik in karolingischer Zeit aus Italien, Gallien oder dem Osten des Mittelmeers nach Aachen überführt worden wäre. Die erste sicher bezeugte Nachricht zur Aufstellung der Bronze in der Aachener Kaiserpfalz stammt erst aus dem vierzehnten Jahrhundert.

          Ein hermeneutischer Punkt für die Neudatierung

          Bislang wurde die Bronzebärin überwiegend in die römische Zeit datiert, wobei neue Datierungen, die allein auf der Analyse des Materials der Großbronze beruhen, unsicher bleiben müssen. Erst in der Zusammenschau mit den hier erläuterten archäologischen Untersuchungen der Bronzefigur können Materialanalysen zu tragfähigen Ergebnissen führen.

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