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Historische Fotos in Berlin : Spuren der Zeit

Dieser Tiger brüllt schon lange nicht mehr. Fotografiert hat ihn der Brite Gambier Bolton um 1891. Bild: Archiv der Universität der Künste, Berlin

Die Berliner Hochschule der Künste besitzt ein großes Fotoarchiv. Zwischen 1850 und 1930 wurden tausende Aufnahmen als Vorlagen für Kunst, Handwerk und Design gesammelt. Ein Ausstellung zeigt, was dabei zusammenkam.

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          Auf den ersten Blick ist die Ausstellung ein großes, grobes Puzzle. Da hängen Tier-, Landschafts-, Akt-, Gebäude- und Ereignisfotografien, Aufnahmen von Manövern, Expeditionen, Pflanzen, nackten Jünglingen und klassischen Kunstwerken scheinbar wahllos nebeneinander. Das Ganze wirkt wie die Verkaufsschau eines flüchtig vorsortierten Fotografen-Nachlasses. Tatsächlich hat die fotografische Lehrsammlung der Berliner Universität der Künste einen gewissen Nachlasscharakter, denn seit neunzig Jahren werden ihre gut fünfundzwanzigtausend Bilder kaum mehr genutzt. Verkauft wird im Berliner Museum für Fotografie allerdings nichts, im Gegenteil, das Bundesbildungsministerium hat im Rahmen eines Förderprogramms einen erklecklichen Betrag gestiftet, damit die Sammlung inventarisiert und digitalisiert werden konnte.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auf den zweiten Blick erkennt man in dem Durcheinander erste Verbindungen, Entwicklungslinien, Bruchstücke von Geschichte. Etwa den Wandel von den pathetischen Architekturansichten des Fotopioniers Albrecht Meydenbauer, des Begründers der Preussischen Messbild-Anstalt, zur erlesenen Sachlichkeit eines Albert Renger-Patzsch. Oder den Sprung von den Landschaftsfotografien des mittleren und späten neunzehnten Jahrhunderts, die noch der Schule von Barbizon oder der Malerei Poussins verpflichtet waren, zu den wissenschaftlich nüchternen Pflanzenstudien, die Karl Blossfeldt von 1890 an bis in die dreißiger Jahre hinein anfertigte.

          Der Fotograf ist immer Zeitzeuge

          Die Ausstellung, die ihre Schätze mehr schweigend ausbreitet als kuratorisch zum Sprechen bringt, macht es nicht immer leicht, solche Zusammenhänge wahrzunehmen. Aber je mehr man sieht, desto weniger kann man sie übersehen, denn im Unterschied zum Maler ist der Fotograf dazu verdammt, Zeitzeuge zu sein. Er kann, wie Alfred Stieglitz oder Wilhelm von Gloeden in ihren Bildern aus Italien, seine Modelle in klassischen Posen oder sich selbst als Christus arrangieren, aber am Ende spricht aus ihnen doch ihr Entstehungsdatum: in den schmutzigen Füßen und trotzigen Mienen der Marktfrauen bei Stieglitz, in der satten Süßlichkeit des Gesichts zwischen makellos gekämmtem Lockenhaar bei Gloeden.

          Damals war der Himmel höher: Gustave Le Grays „Zweimaster im Mondschein“ von 1856 gehört zu den ältesten Stücken der Sammlung Bilderstrecke
          Historische Schnappschüsse : Fotografien aus der Berliner Lehrsammlung

          Schließlich begreift man, worum es in der Ausstellung in Wahrheit geht: um den Blick einer Epoche. Es ist die Zeit, in der die Fotografie als Bildmedium schon allmächtig, aber noch nicht zur Kunst geadelt war, und sie endete ziemlich genau in jenen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als auch die Berliner Universität, die damals als „Vereinigte Staatsschulen für freie und angewandte Kunst“ firmierte, ihre Sammeltätigkeit einstellte. Der ästhetische Status der Fotografien, deren Schöpfer damals noch keine Berühmtheiten waren, wurde zusätzlich dadurch gemindert, dass sie nicht zur Erbauung, sondern als Vorlage für Zeichnungen, Skulpturen, Gemälde und Gebrauchsgegenstände dienten.

          Aber ebendiese Einschränkung macht das Bilderpuzzle besonders interessant, denn sie fügt dem Blick der Fotografen den Gegenblick ihrer Kunden hinzu, sie gibt der Auswahl der Motive eine doppelte historische Prägung. Wir sehen zugleich, was man damals sehen und was man von dem Gesehenen künstlerisch nachahmen wollte. Wobei sich von der Kunst, die aus diesen Bildern entstand, das wenigste erhalten hat. Heute sind es die Fotografien, die zu uns sprechen, nicht ihre Abklatsche in Ton, Ölfarbe und Stein. Vielleicht, weil in ihren Licht- und Schattenspielen etwas aufbewahrt ist, was den Kunstwillen eines Einzelnen übersteigt. Die Sprache der Dinge. Die Spuren der Zeit.

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