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Spaziergänge mit Kamera : Da kannste nicht meckern

Nur der Saturn schaut zu - und der Fotograf, natürlich. Bild: Holger Biermann

Ein Planet amüsiert sich, und der Tod schaut zu: Der Straßenfotograf Holger Biermann sucht das Chaos Berlins, um es in seinen Bildern zu sortieren.

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          Wie Holger Biermann die Kamera ans Auge hob, auslöste und den Apparat am Gurt wieder nach unten fallen ließ, ohne einen Moment lang stehen zu bleiben oder wenigstens einen Schritt langsamer zu gehen, das geschah, wie man sonst so gerne sagt, schneller, als man schauen kann.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Er aber muss etwas gesehen haben, bevor er blitzschnell reagierte. Oder, wie er es formuliert: Die Welt hat ihm etwas zugeflüstert, das er in die Sprache eines Bilds übersetzt. Hier waren es drei Bauarbeiter, die in auffällig blauen Pullovern vor einem auffällig blauen Plakat den Bürgersteig der Friedrichstraße aufschachteten.

          Allerdings ist es gut möglich, dass Holger Biermann die Aufnahme gar nicht der Koinzidenz der Farben wegen gemacht hat. Vielleicht interessierte ihn vielmehr die Formation der drei Männer, womöglich sahen sie aus seiner Perspektive und durch die leichte Verzerrung des Weitwinkelobjektivs aus wie Tänzer auf einer Bühne, festgehalten inmitten ihrer fließenden Bewegungen. Vielleicht aber auch spiegelte irgendein Passant die Arbeiter. So wie auf einem seiner Bilder im Vordergrund eine Mutter ihrem Baby anstelle des Schnullers ihren Finger in den Mund schiebt, während sich im Hintergrund ein Herr am helllichten Tag ins Gitter eines Straßengullis übergibt.

          Die Antwort könnte man demnächst in einem von Biermanns Heften finden, seiner eigenen Publikation kleiner Booklets, von denen er in den vergangenen zehn Jahren fast zwei Dutzend herausgebracht hat, um zu zeigen, was ihm die Straßen so erzählen. Die meisten sind Berlin gewidmet und heißen etwa „Es ist genug Angst für alle da“ und „Da kannste nicht meckern“ oder einfach nur „Original Berlin“.

          Mächtiger Schatten Bilderstrecke
          Holger Biermanns Berlin : Wumms! Es springt einen an.

          Es gibt allerdings auch etliche über New York, die Stadt, in der er zu fotografieren begann. Mehr als zwanzig Jahre ist es her, dass er dort nach einer Ausbildung zum Journalisten ein Praktikum absolvierte und es morgens auf dem Weg zur Arbeit nur drei Blocks von ihm entfernt Wumms machte und ihm eine kreischende Menschenmenge entgegenkam, die sich vor dem einstürzenden World Trade Center in Sicherheit brachte. Geistesgegenwärtig kaufte Biermann in einem Convenience Store fünf Diafilme und begann zu fotografieren. Er hat nie wieder damit aufgehört.

          Dabei ist ihm an Sensationen am allerwenigsten gelegen. Biermann sucht Momente, in denen sich eine Handlung verdichtet, eine Geste zur Allegorie wird oder das Alltägliche ins Absurde rutscht. Keineswegs will er das Chaos der Stadt abbilden, sondern es ordnen, und man staunt, wie sich bei ihm Linien und Kreise zu geometrischen Kompositionen fügen, über die wiederum Logos an Fassaden und Verzierungen an Kleidungsstücken ein weiteres Muster legen.

          Trotzdem beharrt Biermann darauf, dass es Berlin es einem Straßenfotografen nicht leicht mache. Die Bürgersteige seien zu breit, und in den meisten Straßen sei kaum jemand unterwegs. Es fehle das Gedränge, das man aus New York und Tokio kenne, in das man sich hineinwerfen oder das man stundenlang vom selben Punkt aus beobachten könne – jede Sekunde als neues Bild. Berlin hingegen muss er sich erlaufen: im Zickzack-Kurs über den Alexanderplatz, von der Kastanienallee zum Hackeschen Markt, von dort zum Rosenthaler Platz und manchmal ein Ausflug zum Bahnhof Zoo. Dass es die Stadt dann doch immer wieder gut mit ihm meint, belegt nun eine Ausstellung.

          ORIGINAL! Berlin – Holger Biermann, Willy-Brandt-Haus, Berlin; bis 16. Oktober. Die Bilderhefte können auf der Homepage des Fotografen durchgeblättert und dort auch bestellt werden: www.holger-biermann.de.

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