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Kunst-Biennale in Lyon : Endlose Versprechen

  • -Aktualisiert am

Eine Installation von Sarah Brahim, „Soft Machines / Far Away Engines“. Bild: Blaise Adilon

Wir sind alle so verwundbar und fragil – das ist das künstlerische Motto der 16. Lyon Biennale. Aber ist es nicht interessanter, worin wir uns unterscheiden? Eindrücke von einer Ausstellung.

          5 Min.

          Voller Inbrunst verkündete Sam Bardaouil, einer der beiden Kuratoren der 16. Lyon Biennale, auf der Pressekonferenz zur Eröffnung, wir seien alle Louise Brunet. Und nicht nur wir. Auch die senegalesische Frau, die 1894 vor einer Kolonialausstellung aus Lyon flieht, oder ein schwuler Künstler, der 1992 in New York an Aids stirbt. Sie alle, wir alle, überhaupt alle: Louise Brunet. Und darin liegt das grundlegende Pro­blem dieser Ausstellung. Wenn alle Louise Brunet sind, dann ist am Ende auch keiner Louise Brunet.

          Brunet war eine junge Frau, die 1834 in Lyon eine Revolte gegen die schlechten Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in den Seidenspinnereien anzettelte und daraufhin ins Gefängnis kam. Als sie ihre Strafe abgesessen und keine Chance hatte, wieder Arbeit zu finden, ging sie nach Beirut, um ebenfalls in einer Seidenspinnerei zu arbeiten, zettelte wieder eine Revolte an und wurde wieder ins Gefängnis geworfen. 1840 verliert sich ihre Spur in Libanon, vermutlich starb sie bei der Cholera-Pandemie, von der die Stadt 1841 heimgesucht wurde.

          Anhand des wenigen historischen Materials, das es über Brunet gibt, versuchen Sam Bardaouil und Till Fellrath ihrer Lyon Biennale einen Leitfaden zu geben. Sie brauchen den Lebensweg Brunets auch, um die Verbindung zu erklären, die sie zwischen Lyon und Beirut herstellen.

          Denn das zweite Kapitel der Biennale ist die komplette Ausstellung „Beirut and the Golden Sixties: A Manifesto of Fragility“, die im Frühjahr im Berliner Gropius Bau zu sehen war, wo die beiden als assoziierte Kuratoren arbeiteten. In Lyon ist der Untertitel zum Haupttitel geworden, unter dem die beiden neuen Chefkuratoren des Hamburger Bahnhofs 202 Künstler versammelt haben.

          Fragil ist auch, was schnell kaputtgeht

          In drei Kapiteln geht es um die persönliche Verletzlichkeit, die anhand von Brunets Schicksal erzählt wird, dann um die Verletzlichkeit einer Stadt, wofür man die Berliner Ausstellung über Beirut noch einmal aufgebaut hat, und in einem letzten Schritt um nichts weniger als die ganze Welt: „A World Of Endless Promise“. Ein bisschen wirkt das so, als hätten die beiden den Begriff der Zerbrechlichkeit genommen und ziemlich wahllos über alles Mögliche gestülpt. Zum Glück ist zeitgenössische Kunst ja sehr großzügig, was Interpretationen und Lesarten angeht.

          Im Katalogtext liest man dazu: „Die versammelten Künstler greifen verschiedene Aspekte der Fragilität auf, sowohl in den Themen, die sie behandeln, als auch in den Materialien, die sie verwenden.“ Übersetzt heißt das wohl: Wenn der Inhalt nicht fragil ist, dann ist die Arbeit vielleicht aus Glas oder einem anderen Material, das schnell kaputtgeht.

          Die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath.
          Die Kuratoren Sam Bardaouil und Till Fellrath. : Bild: Blandine Soulage

          An einem der größten Ausstellungsorte, der Fabrikhalle Usines Fagor aus den Siebzigerjahren, sieht man, was mit dieser Konzeptidee gemeint ist. Neben der Haupthalle gibt es mehrere große Hallen, die für Einzelpräsentationen genutzt werden. In einer sind die Gesteinsbrocken zu sehen, die Julien Charrière in beruhigender Regelmäßigkeit ausstellt. Diamanten, die er künstlich hergestellt und der Natur zurückgegeben hat.

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