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Hodler-Ausstellung in Berlin : Ein Fremder in der Stadt

Eine fest verschnürte Taille ist für die Dame von Welt kein Hindernis auf dem Weg zur Tempelwächterinnenpose: Hodlers „Heilige Stunde“ von 1911 Bild: SKKG

Ferdinand Hodler gehört heute zum Kanon der Moderne. In der deutschen Kulturszene um 1900 war er ein Außenseiter. Eine Ausstellung in Berlin zeigt, wie die Kunst des Schweizer Malers die Reichshauptstadt eroberte.

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          Der Betrachter von Ferdinand Hodlers Fi­gu­ren­bil­dern erliegt einer akustischen Halluzination. Er glaubt etwas zu hören, das es nicht gibt. Einen Gong. Jenseits der Szene, vermutlich hoch oben, schlägt ein Klöppel auf Metall, und Hodlers Welt, vom Klang getroffen, nimmt Form an. Die vier großen Schreitenden der „Empfindung“ raffen ih­re blauen Leinenumhänge und wandeln, frei nach Rilke, ins Imaginäre. Die fünf Knienden auf dem „Tag“ biegen ihre Körper wasserpflanzenartig unter das cremefarbene Dach des Horizonts, den der Ma­ler über ihnen aufgespannt hat. Die „Le­bens­­müden“ sinken unter ihren Kutten auf der Holzbank ihres Klosters in sich zusammen. Und die nackten Schlafenden der „Nacht“ rollen sich weg von der Männergestalt im Zentrum, die in Todesangst eine auf ihren Lenden sitzende, schwarz verhüllte Dä­monin anstarrt. Dem Mann hat Hodler seine eigenen Züge gegeben. Der Sphärenton, der seine Malerei ins Lot rückt, ist für ihn ein Memento mori.

          Weit von allen Zeitgenossen entfernt

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Ausstellung in der Berlinischen Ga­lerie, in der die vier genannten Großformate neben knapp fünfzig weiteren Hodler-Werken zu sehen sind, hat sich der Rezeption des Schweizer Malers im kaiserlichen Berlin verschrieben. Dabei durchkreuzt die museale Präsentation auf kuriose Weise das Er­kennt­nis­ziel der Schau. Man betritt den er­sten Saal und ist schon mittendrin in Hodlers Gebärdenkabinett. Die Befremdung, mit der seine Darstellungen skulpturenhaft verdrehter Frauenkörper und feierlich er­starrter Jünglinge vom Publikum der vorletzten Jahrhundertwende aufgenommen wurden, stellt sich keine Sekunde lang ein. Im Gegenteil: Weil die Ausstellung auch Hodlers Frühwerk in bedeutenden Beispielen zeigt, kann man das Werden seines Ausdrucks chronologisch nachverfolgen, vom akademischen Landschaftsmaler über den Nachahmer Corots und Courbets bis zu der äs­the­ti­schen Wende, die er um 1880 unter dem Eindruck Cézannes und der französischen Symbolisten vollzieht.

          Dennoch bleibt ein durch äußere Einflüsse nicht erklärbarer Rest. Der „Verwundete Jüngling“ von 1883, mit dem die Folge der großformatigen Bildszenen beginnt, ist in Komposition und pathetisch-plakativer Malweise so weit von allen Zeitgenossen entfernt, dass man sich fragt, ob Hodler, wie später Tübke, nicht eher bei gotischen Altartafeln Maß genommen hat. Sechs Jahre danach entstehen „Die Nacht“ und „Der Tag“, mit denen sich Hodler in die Landkarte der eu­ro­pä­ischen Malerei einschreibt.

          Der Schläfer im Gras: 1883 malt Hodler seinen „Verwundeten Jüngling“ Bilderstrecke
          Pathos und Reinheit : Die Welt des Ferdinand Hodler

          1898 wird das Nachtbild auf der Großen Berliner Kunstausstellung ge­zeigt. Während es aber in Genf wegen der naturalistisch gezeigten Nacktheit Skandal ge­macht hat, bleibt an der Spree die Aufregung aus. Berlin hat andere Tumulte: In der Reichshauptstadt tobt die Schlacht zwischen den Impressionisten der Sezession und den Historienmalern um An­ton von Werner. Der Meister aus der Schweiz, zu keiner der beiden Richtungen gehörig, nimmt an dem Gefecht nicht teil.

          Aber der Kunstmarkt ist auf ihn aufmerksam geworden. 1900 zeigt Fritz Gurlitt die ersten Hodler-Bilder in seinem Sa­lon, zwei Jahre später folgt Eduard Schulte, 1907 präsentiert Paul Cassirer eine Werkschau mit 24 Gemälden. Kommerziell sind die Ausstellungen freilich kein Erfolg. Bei Schulte wird Hodler durch den Malerstar Böcklin überschattet, bei Cassirer lockt seine „spießbürgerlich derbe Art“, wie das Berliner Tageblatt feststellt, nur wenige Käufer. Das si­cher­ste Indiz dieser Zurückhaltung ist der heutige öffentliche Hodler-Bestand in Berlin. Die Neue Nationalgalerie besitzt nur ein einziges Bild, das in der Ausstellung zu sehen ist, die Berlinische Galerie gar keins. Der allergrößte Teil der Leihgaben stammt, wie fast immer in Hodler-Schauen, aus der Schweiz.

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