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Kunsthaus in Göttingen : Eigenbrötler als Netzwerker

Respekt vor der historischen Umgebung: Das Kunsthaus Göttingen übt sich in architektonischer Bescheidenheit. Bild: Patrick Slesiona

Der Verlag von Gerhard Steidl ist ein Aushängeschild der Kulturstadt Göttingen. Auf Betreiben Steidls hat die Stadt jetzt ein Haus für Ausstellungen von Papierarbeiten errichtet. Es spiegelt den Geist seines Initiators.

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          Gerhard Steidl hatte zu hoch gezielt oder jedenfalls zu weit. Als der Verleger, Drucker und Kurator im Jahr 2008 einen Architektenwettbewerb für das von ihm gemeinsam mit der Stadt Göttingen geplante Kunsthaus ankündigte, fielen nur die ganz großen, angesagten Namen der internationalen Szene: Chipperfield, Herzog & de Meuron, Tadao Ando und so weiter. Was immer dazu geführt hat, dass die Sache im Sande verlief, mangelndes Interesse der Kandidaten oder fehlende Finanzmittel – es war besser so. Dass sich die erträumten Großmeister, wenn überhaupt, intensiv um das vergleichsweise bescheidene Vorhaben mit der Adresse Düstere Straße 7 gekümmert hätten, ist unwahrscheinlich. Die Rahmenbedingungen des Grundstücks am südlichen Rand der Göttinger Altstadt sind durchaus delikat, bei aller Blockrandgeschlossenheit ist dort eine bunte Mischung der Gebäudegrößen und Baustile zu finden, vom winzigen Fachwerkhaus aus dem 14. Jahrhundert über Gründerzeithäuser bis hin zum viergeschossigen Geschäftshaus aus den Sechzigerjahren.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Im zweiten Anlauf acht Jahre später fiel die Auswahl der Büros realistischer aus: Eingeladen wurden 2016 vor allem vergleichsweise junge deutsche Architekten, die in Fachkreisen mit bemerkenswerten Bauten auf sich aufmerksam gemacht hatten, aber noch längst nicht in die Liga der Stars aufgestiegen waren. Am Ende kam das zweitplatzierte Büro Atelier ST aus Leipzig zum Zug, das kurz zuvor mit dem Luther-Archiv in Eisleben nachgewiesen hatte, einfühlsam und selbstbewusst zugleich im historischen Kontext arbeiten zu können.

          Holz wäre das passendere Material gewesen

          So auch in Göttingen: Bürogründer Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut ersannen einen dreigeschossigen Bau mit steilem Satteldach, auch die Auskragungen nehmen die Typologie der Fachwerkhäuser in der Nachbarschaft auf. Als Fassadenmaterial waren ursprünglich Mauerwerksziegel vorgesehen, die in der Umgebung ebenfalls häufiger vorkommen; aus Kostengründen entschied man sich später jedoch für einen Putz, der mit einer Schablone horizontal aufgekämmt wurde. Wer will, kann in den so entstandenen ungleichmäßigen Rillen eine Anspielung auf die Papierstapel sehen, mit denen Ideengeber Steidl in den im Blockinneren gelegenen Räumen seiner Druckerei täglich zu tun hat. Mit Ausstellungen von Arbeiten auf Papier – das schließt Plakate und Bücher ein – soll das Haus, das keine eigene Sammlung hat, nach dem Willen der Stadt und des Initiators schließlich hervortreten.

          Steidl hat bekommen, was er im zweiten Anlauf wollte: ein Haus, das sich an seinem Standort einfügt und zugleich auf eine verwöhnte internationale Kunstklientel anziehend wirkt. Kleine Kompromisse bleiben bei einem solchen konzeptionellen Spagat nicht aus: Anders als vom Bauherrn ursprünglich gewünscht, erhielt das Kunsthaus doch einige Fenster; wie zum Ausgleich, es mit der Anpassung nicht zu übertreiben, sind Türen und Fensterrahmen in bronzefarben eloxiertem Aluminium gehalten, wo Holz das passendere Material gewesen wäre.

          Die Außenhaut erinnert an Papierstapel: Detail der Fassadengestaltung
          Die Außenhaut erinnert an Papierstapel: Detail der Fassadengestaltung : Bild: Patrick Slesiona

          Provinzialität und Weltläufigkeit ins Gleichgewicht zu bringen ist die Lebensaufgabe von Steidl, der zugleich detailversessener Eigenbrötler und begnadeter Netzwerker ist. Als Macher von Büchern genießt er Weltruf, seiner kleinen Heimatstadt und dem Standort in einem heruntergekommenen Teil der Altstadt ist der reiselustige Mann aber immer treu geblieben, seit er sich hier mit 18 selbständig gemacht hat. Ein ähnliches Doppelgesicht zeigt Göttingen; an jedem zweiten Haus hängt eine Plakette, die es als einstigen Wohnort einer akademischen Kapazität ersten Ranges ausweist; und ohne Zweifel wirken auch derzeit in der Stadt Geistesgrößen, die für Nobelpreise infrage kommen.

          Doch zugleich existiert im hübschen Wissenschaftsweltdorf Göttingen keine Kunstinstitution von überregionaler Bedeutung. Auch sonst gibt es wenig, was die Stadt zum Zielort für Kulturreisende prädestinierte. Dabei ist die Stadt am Südharz leicht erreichbar, sie hat einen ICE-Bahnhof, und von der Autobahn sind es nur ein paar Kilometer bis in die Innenstadt. Aber wer nicht gerade Gelehrter ist oder Student, der schaut kurz aus dem Zugfenster und denkt sich: noch eine Viertelstunde bis Kassel oder, in der anderen Richtung, eine halbe bis Hannover.

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