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Edward Hopper in Hamburg : In jedem Augenblick ist Aufbruch möglich

Edward Hopper selbst hielt die „Sache mit der Einsamkeit“ für übertrieben. Und tatsächlich kann man in den Bildern des amerikanischen Malers auch das Gegenteil von Isolation und Depression sehen. Eine Ausstellung erklärt ihn neu.

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          Eine Frau sitzt im Morgenlicht auf ihrem Bett und schaut durchs offene Fenster hinunter in die erwachende Stadt. Schiffe liegen abfahrbereit im Morgenlicht, das ins Hafenbecken fällt; eine Frau steht vor einem Haus mitten in den Feldern von South Carolina, sie hat sich festlich angezogen und geht offensichtlich nicht aufs Feld, sondern in die Stadt. Ein Fenster in Manhattan steht offen, der Nachtwind reißt an der Gardine. Das weiße Segel eines Bootes bläht sich im Wind, im Blau des Atlantiks hebt sich eine leichte Dünung.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist es, was man auf den Bildern des 1882 geborenen Malers Edward Hopper sieht. Hopper war einer der populärsten Künstler des vergangenen Jahrhunderts, seine Bilder finden sich nicht nur in Museen, sie zieren als Poster zahllose Zimmer und Bars - wobei das nicht das Problem dieses Malers ist; sein größtes Problem sind seine Interpreten.

          Durch das Werk vieler Künstler - und zu diesen Künstlern gehört Hopper ebenso wie Francis Bacon - hat die Kunstkritik interpretatorische Fahrrinnen gefräst, aus denen der Blick nur mit Mühe wieder herauskommt. Es scheint zum Beispiel ein Abkommen zu geben, dass Francis Bacons verzerrte Gesichter ausschließlich als Darstellungen des „zerrissenen Individuums in der modernen Welt“, und zwar im Zustand „bloßer Kreatürlichkeit“, angesehen zu werden haben. Und wo immer von Hopper die Rede ist, gehören die Begriffe „Melancholie“ und „Vereinsamung“ ins interpretatorische Gepäck. Ein kurzer Klick ins Internet, Stichwort Hopper, spült einem ein ungewöhnlich depressives Vokabular entgegen: Man sehe einen „Ausdruck der Isolation und Ausgrenzung des Einzelnen“, der „Einsamkeit dokumentiert“, Hopper „betrauere den Verlust menschlicher Bindungen“ im „anonymen Großstadtgetriebe“.

          Euphorie statt Depression

          Diese Exegesen offenbaren ein grundlegendes Missverständnis: die Annahme, dass moderne Künstler alles, was sie darstellen, in kritischer Absicht zeigen. Doch im Werk von Hopper, der bis Mitte der zwanziger Jahre als Werbegrafiker und Illustrator arbeitete, gibt es wenige Anhaltspunkte dafür, dass ihm das von ihm immer wieder gemalte Großstadtleben zuwider war. Einmal erklärte Hopper sogar entnervt, er halte die „Sache mit der Einsamkeit“ für übertrieben.

          Eine Hamburger Ausstellung zu Hopper und seiner Zeit mit 96 Arbeiten, darunter acht Hopper-Gemälden, bietet jetzt Gelegenheit, sein Werk neu zu entdecken - und wenn man sich hier die Bilder, die noch leeren Straßen im Morgenlicht, die offenen Fenster, die Blicke in nächtliche Zimmer, unvoreingenommen anschaut, dann kann man in ihnen auch das Gegenteil von Vereinsamung und Depression sehen: euphorische Bilder, die Bühnen eines kommenden Lebens zeigen.

          Die Nähe zum Fremden

          Georges Simenon hat 1946 seine Novelle „Drei Zimmer in Manhattan“ geschrieben, eine Erzählung, die wirkt wie eine Bildbeschreibung von Hoppers einige Jahre zuvor entstandenen „Nighthawks“ - jener nächtlichen, neonhell erleuchteten Bar, in der zwei Männer und eine Frau am Tresen hocken: „Sie blickte ihn so wenig an, wie er sie anblickte. Im Grund wusste sie nichts über ihn, und er wusste nichts über sie. Es war schon vier Uhr morgens. Von Zeit zu Zeit trat jemand ein, der von Gott weiß woher kam.“ Bei Simenon kippt dieses latent triste Bild in ein Versprechen um: „Als sie dann ein paar hundert Meter gegangen waren, hängte sie sich bei ihm ein, als seien sie schon allzeit morgens um fünf Uhr so durch die Straßen von New York gegangen.“ Um solche Nähe zum Fremden, die Chancen in der anonymen Großstadt, geht es auch bei Hopper.

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