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Exil-Ausstellung in Venedig : An der Lagune, da saßen wir und weinten

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Im obersten Stock, in der sogenannten Sukka, der symbolischen Laubhütte, in der das Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung zelebriert wird, beschwören hohe schmale Gefäße in turmartigen Vitrinen Rilkes metaphorische Erzählung von dem alten Goldschmied, den es drängt, mit seiner hübschen Tochter die jeweils höchste Wohnung des venezianischen Gettos zu beziehen, bis sie sehen, „was noch keiner vom Ghetto aus je gesehen hatte –, ein stilles, silbernes Licht: das Meer“.

Bei den Vitrinen von de Waal ist die tiefere Bedeutung nicht immer nachvollziehbar. Manche Werke wirken austauschbar und eher geschmackvoll als profund. Das lässt sich von dem venezianischen Projekt keineswegs behaupten, vor allem nicht von den vier zwischen die Bücher seiner Bibliothek des Exils gehängten Vitrinen. Deren Gliederung ist dem bis heute beibehaltenen Seitenaufbau des Babylonischen Talmud nachempfunden, den der flämische Drucker Daniel Bomberg, mehr oder weniger zeitgleich mit der Gründung des Gettos in Venedig, veröffentlicht hat. Die Inkunabel steht symbolhaft für den kulturellen Austausch über die Grenzen des Gettos hinweg. Bomberg war ein Christ, der jüdische Gelehrte hinzuzog und entscheidend dazu beitrug, dass Venedig ein Zentrum des hebräischen Buchdrucks wurde. Bei der grafischen Gestaltung mag er sich an der Topographie der Lagunenstadt orientiert haben, so dass die Leerräume zwischen Druckblöcken das Netzwerk von Wasserwegen spiegeln.

Reich an Tourismus, arm an Bewohnern

In de Waals Vitrinen übernehmen Regale die gliedernde Funktion der unbedruckten Stellen. Diese Kompositionen schlagen die Brücke zum Getto. Der Weg dorthin ist wie ein Sprachwechsel: Aus dem Getümmel gelangt man in die relative Abgeschiedenheit des Campo del Ghetto Nuovo. Gegenüber der Scuola Nuova gedenken Bronzetafeln der Deportation der Juden nach Auschwitz. Von den rund 250 Deportierten kehrten nur acht zurück. Heute zählt die schwindende Bevölkerung Venedigs weniger als fünfhundert Juden. Die Stadt sei reich an Kultur und Tourismus, aber arm an Bewohnern, sagt Shaul Bassi, Leiter des Internationalen Zentrums für Geisteswissenschaften und sozialen Wandel, der zusammen mit Giuseppe Balzano von der Stiftung Beit Venezia zur Förderung jüdischer Kultur rund um de Waals „Psalm“ ein internationales Veranstaltungsprogramm organisiert hat.

Ob es der Blick aufs Meer ist oder die Nähe zu Gott, die Rilkes greisen Melchisedech veranlasst, immer weiter in die Höhe zu steigen, repräsentiert doch das eine wie das andere jene Freiheit, die auch in der Literatur zu finden ist. Nicht zuletzt dafür steht Edmund de Waals „Bibliothek des Exils“. Die Bücher sollen den Grundstock der wieder aufgebauten Bibliothek von Mosul legen. Davor wird sie im Japanischen Palais in Dresden und im British Museum zu sehen sein.

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