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Christo in Düsseldorf : Was stört die ganze Stadtsanierung schon?

Die Sternengasse, wo das Elternhaus von Rubens stand, ist links unten auf dem Stadtplan abgeschnitten. Aber auch von dort hätte man dieses Doppelspitzenwerk gesehen, dem das Hohe Domkapitel die Genehmigung verweigerte. Bild: Christo and Jeanne-Claude Foundation

Selbst das heillos zugebaute Köln konnte ihn inspirieren: Der Düsseldorfer Kunstpalast widmet dem Verpackungskünstler Christo eine erste postume Werkschau.

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          Die Christo-Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast, die erste postume Werkschau des 2020 verstorbenen Künstlers, trägt die Städtenamen Paris und New York im Titel. Um Christos Durchbruch im doppelten Sinne, zur Bekanntheit und zu seinem persönlichen Stil, auf den geografischen Punkt zu bringen, hätten die Kuratoren Kay Heymer und Sophie-Marie Sümmermann Köln ins Zentrum stellen können. Dass das unterblieben ist, kann man nicht allein mit dem Düsseldorfer Neid auf die Nachbarstadt erklären. In Paris zuerst und von 1964 dann in New York hatte Christo sein Atelier. Dort oder besser gesagt von dort aus operierte er, denn noch mehr Zeit als am Zeichentisch brachte er wohl am Telefon zu.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ein lustiges Exponat ist ein verpackter New Yorker Münzfernsprecher, ein Ex­emplar einer Serie von 1988. Unter der verschnürten, halb aufgerissenen Stoffhülle ist das Gerät noch einmal in festen, durchsichtigen Kunststoff eingenäht, als käme es direkt aus der Fabrik und als sollte es um jeden Preis vor Schram­men und Fettflecken geschützt werden, den Spuren des kommunikativen Gebrauchs. Apparatur des Solipsismus, Werk in von vornherein sistiertem Fortschritt – kein Ab­schluss unter dieser Nummer, dafür funktioniert es aber ohne Münzeinwurf.

          Marken globaler Urbanität

          Unabhängig von den großen Projekten, die Christo in Paris und New York realisierte (verhüllter Pont-Neuf, 1985; „The Gates“ im Central Park, 2005), sind die beiden Städte Marken einer globalen Urbanität; sie stehen für die Idee einer durch Verdichtung freigesetzten Großzügigkeit. Auch der Name Christo ist ein Markenname geworden, der dieselben As­soziationen weckt: Alles Ortsspezifische lässt sich transzendieren. Köln hingegen verbindet man jedenfalls inzwischen eher mit dem Gegenteil, dem An­gehäuften, Stehengebliebenen, nicht Ab­geräumten: eine Monsterstadt, nicht im Sinne des menschenfern Geplanten, sondern des allzumenschlich Gewachsenen.

          Umso spannender ist es, in Düsseldorf zu lernen, welche Möglichkeitsräume Köln Christo in einem bestimmten Mo­ment eröffnete. Es zeigt sich noch einmal, wie wichtig die rheinische Szene als Marktplatz der internationalen Avant­garde war. Der Kölner Galerist Ha­ro Lauhus, Lebensgefährte der Künstlerin Mary Bauermeister, richtete Christos erste Einzelausstellung aus. Sie wurde am 29. Juli 1961 eröffnet. Jeanne-Claude, Christos Partnerin, die er 1962 heiratete, konnte nicht nach Köln reisen, weil das Geld des Paares nur für eine Bahnfahrkarte reichte.

          Ein Foto von Erik Schwarz im Katalog, aus dem Inneren der Galerie aufgenommen, zeigt zwei Jungen in kurzärmligen Hemden, die mit offenen Mündern vor dem Schaufenster von Lauhus am Buttermarkt stehen, der seinem Namen zum Trotz eine schmale Altstadtgasse ist. Es ist Hochsommer; der eine, größere Junge hält wohl ein Wassereis in der Hand, an dem zu lecken er einen Moment lang vergessen hat. Der andere hat die rechte Hand erhoben, als wollte er die Objekte zählen oder ihre Konturen nachzeichnen. Die verborgenen Gegenstände sind gut erkennbar, in der Mitte eine Flasche und eine Kaffeemühle. Das Staunen vor der Scheibe wiederholt noch einmal eine Ur­szene der Wirtschaftswunderjahre. Aber die Verwunderung gilt nun dem Um­stand, dass hinter dem Glas, den Blicken ausgesetzt, dem Zugriff entzogen, kein Füllhorn ausgeschüttet wird, sondern der Überfluss gestaut und eingefroren ist.

          Die Ausstellung stellt mit Stücken aus der Sammlung des Kunstpalasts lehrreiche Verbindungen zwischen Christos Frühwerk und der Arte povera sowie an­deren Bewegungen der Verfremdung und Verbindung von Malerei und Bildhauerei durch Wiederverwendung von Ausgesondertem her. Den beiden Knaben vor dem Fenster kam die Anmutung des Ensem­bles wahrscheinlich nicht ärmlich vor; sie wussten, dass Wertvolles eingepackt wird, dass man es aber auswickeln sollte, bevor man es in eine Auslage legt.

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