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Dries Van Notens „Inspirations“ in Paris : Im Reich der Schönheit

Für das Musée des Arts décoratifs in Paris hat der belgische Modemacher Dries Van Noten eine Schau eingerichtet. Sie ist eine herrliche Begegnung zwischen Kunst und Mode.

          3 Min.

          Sie ist selten, diese Begegnung der sehr speziellen Art. Im Pariser Musée des Arts décoratifs ist sie derzeit zu haben. Dort hat der belgische Modemacher Dries Van Noten seine Träume inszeniert - nicht sich selbst. Wie er das gemacht hat, ist elektrisierend. Dabei speist sich die Schau aus zwei Bestandteilen, deren Kombination zu oft misslingt: Mode und Kunst.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Weil nämlich die Mode so leicht in ihrer Ambitioniertheit vor der Kunst verblasst oder weil die Kunst zur Staffage degradiert ist, um ein paar Fähnchen aufzuhübschen. Das ist hier anders: Es ist, als seien phantastische Schmetterlinge ihren Larven entschlüpft, die sich in den Kunstwerken - in den Gemälden oder Filmen oder Fotografien - eingenistet hatten. Sie kommen auch gar nicht ans Tageslicht, sondern führen ihre schillernde Existenz in den schwarz ausgekleideten Räumen, beleuchtet von den Punktstrahlern wie unter nächtlichen Sonnen, ein Universum eigenwilliger Schönheit.

          Ein phänomenales Labyrinth

          Dries Van Noten, Jahrgang 1958, macht nur zwei Kollektionen im Jahr, für Frauen und für Männer. Seine Marke, die er 1986 gegründet hat, gehört noch immer ihm allein, er unterhält kein globales Ladenimperium, er macht keine Werbung, und er macht keine Düfte und Handtaschen, dafür großartige Schuhe. Seine Mode, die teuer ist, hat zwei Gesichter: ein völlig abgefahrenes zum Staunen und ein umwerfend dezentes zum Tragen in der wirklichen Welt. Dries Van Noten bestimmt keine Kleiderordnung. Genauso wenig macht er einen Kult seiner Person aus der Schau, sondern sie ist eine grandiose Geste der Verbeugung vor seinen Quellen und Vorbildern. Sie verschmelzen mit seinen eigenen Schöpfungen zu einem Kosmos, in den er sich einfügt.

          Die Zeichen der Gegenwart stehen auf Wiedererkennungsreflexe - in der Mode wie in der Kunst -, auf Eklektizismus als Form kapitalstarker Selbstermächtigung. Was Van Noten in Paris vorführt, ist das Gegenteil, es sind Spiegelungen: Die Kleider reflektieren die Kunst. So fällt ihr Schein auf die Werke und weckt in ihnen neue Aspekte. Dieses Gesamtkunstwerk, davon darf wirklich die Rede sein, findet seinen Widerschein im Auge des Betrachters. Selbst wer weder kunstaffin noch modekundig ist, wird sich an diesen Augenspielen erfreuen können.

          Van Noten äfft nicht nach, er zeigt vor, was „Inspirationen“, so der Titel, heißen können - im Wortsinn ein Einatmen und gegenseitiges Beatmen. Ein phänomenales Labyrinth öffnet sich, die einzelnen Vitrinen in der weitläufigen Architektur der Schau haben ihre jeweils innere Logik, jede eine neue Bezauberung.

          Er bringt das Unmögliche zusammen

          Wo Van Noten, nur ein Bespiel, gleich am Beginn David Bowie huldigt und Jean Cocteau aufruft, ahmt er in seinen Kleidern nicht einfach Exaltiertheit nach, sondern verwandelt sich den Geist solchen Stilwillens an, erschafft die Maskeraden des Männlichen neu. Das abgegriffene Wort Interpretation reicht dafür nicht. Es lässt sich am ehesten einen Mehrwert nennen, den Van Noten aus den Vorbildern für seine Entwürfe gewinnt.

          Und er ist keineswegs durch mit diesen Ideen in einer einzigen Saison oder Kollektion, sondern die Elemente tauchen immer wieder auf, Metamorphosen gleich. In keinem Moment wirken Van Notens Anverwandlungen platt; es ist ihre Durchlässigkeit, die sie so zeitlos macht: Immer wieder irritiert irgendein Detail die vorhersehbare Adaption, sei’s bloß ein fehlendes Revers an einer Jacke, das durch eine leichtsinnige Anspielung auf seine schiere Möglichkeit ersetzt ist.

          In einem der Kabinette bringt er das beinah Unmögliche zusammen - und es funktioniert. Das Museum liegt ja in einem Seitenflügel des Louvre, und der ist nicht bekannt dafür, mit seinen Filetstücken freigiebig zu sein; Dries Van Noten hat das für einen singulären Auftritt geschafft: So darf des italienischen Manieristen Angelo di Cosimo, genannt Bronzino, hinreißender „Junger Bildhauer“ in seinem schwarzen strengen Gewand mit dem weißen Krägelchen ein Outfit Dries Van Notens begleiten - dazwischen ein abstraktes Gemälde von Gerhard Richter, das seine Farben und Formationen auf den gradlinig geschnittenen Frauenmantel geworfen zu haben scheint. Ist das zulässig? Ja, das ist sogar phantastisch. Allerdings bedarf das eben einer Meisterschaft, die es versteht, Wahlverwandtschaften aufscheinen zu lassen.

          Zeitlose Entwürfe

          Dries Van Noten spekuliert mit seiner Mode nicht auf den Rang als Künstler. Er erfreut sich an deren Einbildungskraft und Hervorbringungen - und manche der Werke gehören ihm selbst, die der zarten Elizabeth Peyton, des geheimnisvollen Michaël Borremans, der rasanten Cecily Brown.

          Diese Achtung bezeugt er auch jenen früheren Modeschöpfern, neben denen er seine Modelle zeigt: Das sind eher Cristóbal Balenciaga, Elsa Schiaparelli oder Jeanne Lanvin mit ihrem voluptiösen Schwung für die Frauen als etwa Coco Chanel in ihrer alltagstauglichen Schmalheit. Und Van Noten ist verliebt in kostbare Stoffe und Materialien, in die optische und haptische Lust, die sie verströmen - womit wieder die Sinnlichkeit der bildenden Kunst im Spiel ist oder die der Filme und Performances, von denen Anmut in Bewegung gleich mitgeliefert wird.

          Es ist das Wunderbare an Dries Van Notens Entwürfen, dass sie gar nicht altern, seine Stücke lassen sich jahrelang tragen, sie kommen nicht im herkömmlichen Sinn aus der Mode. Wo sie exzentrisch sind, nehmen sie den Charakter von gewissermaßen historischen Zeugen an. Und darin sind sie dann den Kunstwerken wieder verwandt, in denen immer ihre Geschichte bewahrt bleibt und die zugleich in die Gegenwart herüberragen.

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