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Ausstellung „Fake“ in Dresden : Die Wahrheit von heute ist die Lüge von morgen

Neue Lügendetektoren: Labor in Dresden Bild: Isabel Noack

Hereinspaziert in die Abteilung für strategische Täuschung: Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden geht in einer interaktiven Schau den Tatsachen auf den Grund.

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          Ob der Koffer aus der Produktion des Klassenfeindes einfach nur verzögert geliefert oder in höchster Not bestellt wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Klar ist nur, dass er zu spät kam, um seine Nutzer noch vor der Bestrafung durch das Leben zu bewahren. Kurz nach dem Mauerfall 1989 erhielt der Staatssicherheitsdienst der DDR den mobilen Lügendetektor „Diplomat 1“ amerikanischen Fabrikats, für das der an Devisen chronisch klamme SED-Staat immerhin 30.000 D-Mark hinblätterte. Gut dreißig Jahre später steht das Gerät im „Labor der Lügenerkennung“, einer von acht Abteilungen eines „Amtes für die ganze Wahrheit“, das jetzt im Deutschen Hygiene-Museum Dresden seine Türen geöffnet hat. In diesen Rahmen ist die Ausstellung „Fake. Die ganze Wahrheit“ gebettet, die aktueller kaum sein könnte: Der russische Krieg in der Ukraine und Verschwörungserzählungen um Corona und das Impfen nehmen gleich eine weitere Abteilung ein, nämlich die „für Wahrheitsfindung und -sicherung“. Aber die Schau will sich auch um das große Ganze kümmern, und das ist nichts weniger als die ­Frage, was die Wahrheit ist und warum wir nicht einfach immer bei ihr bleiben.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die kurze Antwort darauf lautet, dass ein solches Leben ziemlich öde wäre. Wer möchte dem stolzen Hobbykoch und seinen Gästen mit der ehrlichen Antwort auf die Frage „Hat’s geschmeckt?“ den Abend verderben, wer mit einer Seitensprungbeichte seine Beziehung riskieren oder den Kindern (und sich selbst) mit der Wahrheit über den Weihnachtsmann das Fest verderben? Für eine längere Antwort oder vielmehr: Antworten, ist diese Ausstellung gemacht. Und sie beginnt in der „Abteilung für Lügenerziehung und angewandte Pinocchioforschung“ schon bei den Kleinen mit dem Satz „Du sollst nicht lügen!“, der wahlweise erzieherisch, schulisch oder religiös begründet, häufig jedoch vor allem drohend daherkommt und dann nicht erst mit dem Älterwerden auf die Realität trifft, in der dann doch gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Bis zu zweihundertmal lüge jeder Mensch am Tag, behauptet Hans Wahr, der Chefbeamte dieses Wahrheitsamtes, der, verkörpert von dem Schauspieler Martin Wuttke, den Besucher in immer neuen Rollen durch seine Behörde führt.

          Herrschaft im Alltag ist Verwaltung

          Die Idee, quasi von Amts wegen die Wahrheit ermitteln und die Lüge verbannen zu wollen, scheint wie geschaffen für ein Publikum, das „denen da oben“, den Regierenden also, zunehmend misstraut. Ein Amt ist jedenfalls in Deutschland einer der häufigsten Berührungspunkte, die der Mensch in seinem Leben mit der Obrigkeit hat, und dem er, auch wenn es meistens lästig ist, mit gewisser Ehrfurcht gegenübersteht. „Denn Herrschaft ist im Alltag primär: Verwaltung“, hat Max Weber vor mehr als hundert Jahren schon geschrieben. Und nicht ohne Grund gilt der Ausdruck „amtlich“ als Synonym für feststehend, glaubwürdig und bestätigt. Ämter und Behörden zeigten „eine große Beharrungstendenz mit geringer Neigung zur Veränderung ihrer Prinzipien“, sagt der Kurator der Schau, der Philosoph Daniel Tyradellis. „Das macht sie verlässlich und hilft bei der Orientierung.“ Gleiches lasse sich über die Wahrheit und ihre unmittelbaren Verwandten – Original, Echtheit, Authentizität, Aufrichtigkeit – sagen, ohne die dem Leben jede Orientierung fehlte.

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