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Doppelschau Emil Nolde Hamburg : Auch fehlerhafte Menschen malen makellose Bilder

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Germanisch-gotisch ist daran gar nichts, eher goghisch: Emil Noldes „Melkmädchen“ aus dem Jahr 1903. Bild: Bucerius Forum

Zwei Ausstellungen in Hamburg zeigen, dass Emil Nolde weitaus mehr von dänischer Malerei und weit weniger nazistisch geprägt war als gedacht.

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          Wie tief Hans Emil Hansen in der norddeutsch-dänischen Landschaft verwurzelt war, zeigen nicht nur seine Bilder. Ausdruck dieser Bindung ist auch, dass er 1902 seinen Familiennamen ablegte und gegen den seines nordschleswigschen Heimatdorfes Nolde eintauschte. Wie dieser Emil Nolde zum „nordisch deutschen“ Künstler wurde, als den er sich selbst sah, zeigt das Hamburger Bucerius Kunst Forum in Kooperation mit der Nolde-Stiftung Seebüll unter dem Titel „Nolde und der Norden“. Der Künstler, der sich Deutschland und Dänemark gleichermaßen verbunden fühlte, musste sich seiner Wurzeln allerdings erst bewusst werden.

          Das geschah weniger durch das unmittelbare Erlebnis der heimatlichen Landschaft als auf dem Umweg über die dänische Malerei, die er wiederum nicht an ihrem Ursprungsort entdeckte, sondern auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900. Motiviert durch die dort empfangenen Eindrücke, verbrachte Nolde die folgenden zwei Jahre in Dänemark. Dort nahm er, der schon Kunstschulen in München und Paris absolviert hatte, Malunterricht bei dem erfolgreichen Historienmaler Kristian Zahrtmann, besuchte Ausstellungen einheimischer Künstler und traf sich mit einigen von ihnen wie Vilhelm Hammershøi und Viggo Johansen privat oder in ihren Ateliers. Auf den Arbeiten, die in dieser Zeit des Suchens und Experimentierens entstanden, liegt der Fokus der Ausstellung, die sich auf vier thematische Räume verteilt: Menschenbilder, Interieur, Landschaft und Fantastik. Den achtzig Werken Noldes stehen fünfundzwanzig Gemälde dänischer Künstler gegenüber, die Nolde nachweislich kannte und die den Einfluss dieser Malerei auf seine Motivwahl und Stilistik augenfällig machen.

          Seine romantisch-blaue Tonalität

          Der „dänische“ Nolde, dem man in Hamburg begegnet, weist nur in Spuren auf den farbgewaltigen Expressionisten späterer Jahre voraus. Gedämpfte Farben dominieren: Ein Selbstbildnis, das die Ausstellung eröffnet, ist in verschatteten Brauntönen gehalten, blaugrau-verwaschene Meerlandschaften erinnern an einen unvollendeten William Turner, manche Hafenbilder könnten aus der Werkstatt Monets stammen. Überhaupt ist in dieser Phase der Impressionismus ein beherrschendes Stilmuster in Noldes Bildern. Dreißig Jahre später passt das nicht mehr zu seinem künstlerischen Selbstverständnis: Nun schmäht er den Impressionismus als „süßlich“, um sich selbst als nordisch-herben Expressionisten davon abzuheben. Den künstlerischen Weg in den Expressionismus zeigen besonders eindrücklich drei sturmumtoste „Melkmädchen“, die Nolde 1903 und dann noch einmal 1939 malte. In der zweiten Version ist das Flirren der nebeneinander gesetzten Pinselstriche einem leuchtend-flächigen Farbauftrag gewichen – der „typische Nolde“ hat Gestalt angenommen.

          Was Nolde von seinen dänischen Kollegen lernt, sind neben der Bildsprache des Symbolismus vor allem die Lichtführung, der Blick für Stimmungen und eine romantisch-blaue Tonalität. Die Gegenüberstellung seines 1903 gemalten Bildes „Zwei am Meeresstrand“ mit dem zehn Jahre früher entstandenen „Sommerabend am Südstrand von Skagen“ von Peder Severin Krøyer führt diese Anverwandlungen überzeugend vor Augen. In dieser Zeit malt Nolde auch Interieurs mit weiblichen Figuren, ein typisches Thema der dänischen Malerei, das in seinem späteren Werk nicht mehr vorkommt. Doch gerade bei diesem stillen, undramatischen Sujet lässt er die spätere Farbkraft erahnen: Die leuchtenden Rosatöne, die Nolde in einem Bergmotiv seines Lehrers Kristian Zahrtmann gesehen hat, übernimmt er für sein „Mädchen in der Küche“.

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