https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/documenta/solinger-ausstellung-zur-vorgeschichte-der-documenta-18234764.html

Vorgeschichte der Documenta : Das Altern der neuen Kunst

Neben Matisse hätte sich dieses Tischchen von Anton Kerschbaumer durchaus sehen lassen können. Das „Stilleben mit Weihnachtsengel“ hing 1929 auf der „Vierten Großen Kunstausstellung“ in Kassel. Für die erste Documenta im Jahr 1955 wurde der 1885 in Rosenheim geborene Maler nicht berücksichtigt, der 1931 in Berlin gestorben war. Seine Generationsgenossen blieben stark vertreten. Bild: ELSG / Sammlung Schneider / Bürgerstiftung für verfolgte Künste

Warum zeigte Arnold Bode 1955 auf der ersten Documenta nur wenige der Künstler, die er 1929 auf einer ähnlichen Schau in Kassel präsentiert hatte? Eine Ausstellung in Solingen möchte die Sache erforschen.

          6 Min.

          Können Ausstellungen einen Beitrag zur Forschung leisten? Dafür müssten die Kuratoren ja vorher noch nicht wissen, was herauskommt. Der finanzielle und logistische Aufwand im Ausstellungswesen macht es unwahrscheinlich, dass diese Voraussetzung der Neugier, das Nicht-zu-früh-schon-wissen-wollen, allzu oft gegeben ist. Nun profitiert sogenannte geisteswissenschaftliche Forschung davon, dass sie praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. So bleibt gewöhnlich unbemerkt, dass die meisten Publikationen in der Kunstgeschichte oder Literaturwissenschaft entweder Interpretationen von Artefakten vornehmen oder Tatsachenwissen zusammenstellen, ohne das sich etwas Neues im engeren Sinne des Unbekannten und gleichzeitig Interessanten ergibt. Trotzdem sind in der Eigenwerbung geisteswissenschaftlicher Institutionen die Bilder des Labors und des Experiments gängig. Wenn ein Museum sich einen Versuchsaufbau vornimmt, sind immerhin die Aufbauten nicht metaphorisch.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Als Forschungsgegenstand gut geeignet ist Vorgefundenes, das sich nicht von selbst versteht, aber auch nicht allein durch Ausdeutung erschlossen werden kann: ein Dokument, etwas möglichst Objektives, Trockenes, ja, Sprödes – wie eine Liste von Namen. Das war im vergangenen Jahr die Idee einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, die genial genannt werden darf. Die „Liste der Gottbegnadeten“ ist eine Zusammenstellung von Künstlern, die auf Anordnung des nationalsozialistischen Kulturministers Goebbels von der Pflicht zur Aufopferung für das Volksganze ausgenommen wurden. In Berlin nahm man sich die bildenden Künstler auf der Liste vor.

          Die Auswahlmechanismen der Kunstförderung

          Dem heutigen Publikum sagen die meisten Namen nichts mehr; die Ausstellung zeigte, was für Werke die Künstler produzierten, nachdem die Liste ihren Zweck erfüllt hatte, aber die dergestalt vom Schicksal Begünstigten ihre Arbeit nicht mehr an nationalsozialistischen Vorgaben ausrichten konnten. Fragen produzierte der ironische Kontrast zwischen der äußersten Verdichtung des kulturpolitischen Wirkungswillens in der ursprünglichen Liste und der diffusen Normalität der Nachkriegsproduktion mit Schwerpunkt im Genre der Kunst am Bau. Muster von Karrieren zeichneten sich ab, regten zu kunstsoziologischen Verallgemeinerungen an: Die Autonomieästhetik des durch akademische Ausbildung abgesicherten Künstlerstandes begünstigte die Anpassung. Aber jeder Fall lag anders – die Kuratoren konnten forschen.

          Einen ähnlichen Ansatz verfolgt jetzt eine Ausstellung des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen, die sozusagen zum inoffiziellen Begleitprogramm der Documenta gehört. Hier sind es zwei Künstlerlisten, deren Gegenüberstellung Fragen aufwirft nach den Auswahlmechanismen einer Kunstförderung, die aufseiten der Förderer wie der Geförderten ein Prestigeprojekt ist. Das Solinger Zentrum, eine Abteilung des städtischen Kunstmuseums im früheren Rathaus von Gräfrath, arbeitet mit dem Kasseler „documenta archiv“ zusammen. Verglichen werden die erste Documenta des Jahres 1955 und die „Vierte Große Kasseler Kunstausstellung“, eine Ausstellung von Gegenwartskunst, die der 1835 gegründete Kunstverein für Kurhessen vier Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ausrichtete. Das Gemeinsame ist die Person des für die Künstlerauswahl verantwortlichen Organisators: Arnold Bode.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wem das Grundstücke dieser Häuser zum 1. Januar gehörten, muss eine Grundsteuererklärung bis zum 31. Oktober abgeben.

          Die Vermögensfrage : Ein kleines Grundsteuer-ABC

          Auch wenn nun eine Verlängerung der Abgabefrist für die neue Grundsteuererklärung im Raum steht, das vorläufige Ende am 31. Oktober naht. Damit die Abgabe vor Erhalt eines Mahnschreibens klappt, eine kleine Handreichung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.