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Documenta 12 : Alles, was Schock ist

Was passiert, wenn Formen in andere Kulturkreise eindringen, sich vermischen, mutieren und für Unruhe sorgen? Die Documenta 12 will vor allem diese Frage beantworten und dabei die utopischen Potentiale der Gegenwartskunst aktivieren. Eine Vorbesichtigung von Niklas Maak.

          5 Min.

          Das Kunstwerk, über das vermutlich sehr viel gestritten werden wird in den kommenden Wochen, ist eine Giraffe. Die Giraffe sieht so, wie sie da ausgestopft in der Documenta-Halle wartet, mitleiderregend aus; sie hat einen verbogenen, klumpigen Hals und steht unbeholfen und schräg da, wie ein Comic-Tier, das gerade bremst. Das Werk, das nur aus dem ausgestopften Tier besteht, heißt „Zoo story“. Man sieht aber keine Story, nur die Giraffe.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Die sei jedoch ein besonderes Tier, hatten uns die Documenta-Leiter Roger M. Buergel und Ruth Noack erklärt; bevor der österreichische Künstler Peter Friedl sie nach Kassel in die Documenta-Halle brachte, habe sie in Kalkilia im einzigen palästinensischen Zoo im Westjordanland gelebt. Als die israelische Armee eine Stellung der Hamas angriff, stürzte das Tier um, erstickte und wurde von den Zoobetreibern ausgestopft. Jetzt steht die Giraffe unkommentiert in der Documenta-Halle; gegenüber hockt ein gigantischer Stoffhund von Cosima von Bonin. Warum?

          „Der Brownie“ - das ist die Giraffe - „ist ein Modell für Erzählungen“, hat der Künstler Peter Friedl gesagt, der die Giraffe nach Kassel holte. Aber was wird hier erzählt, und wie, und warum? Und was erzählt all das über die Documenta? Wir warten auf den Künstler.

          Vieldeutiger Mohn

          Draußen, vor dem Gebäude, scheint die Sonne, und die Werke, die dort entstehen, müssen am besten gleich in Hektar gemessen werden: Die Künstlerin Sanja Ivekovic lässt vor dem Fridericianum ein gigantisches Mohnfeld wachsen, das zur Eröffnung rot blühen soll, und während man erst mal nur braune Erde sieht, wird schon kräftig über Subtexte und Bedeutungen spekuliert: Roter Mohn sei das Symbol für gefallene Soldaten, habe die Farbe der Revolution, sei ein Kommentar auf die Sehnsucht nach reiner Ästhetik und Betäubung (Opium!) durch schöne Kunst.

          Etwas weiter entfernt ist der thailändische Künstler Sakarin Krue-On dabei, auf einem 7000 Quadratmeter großen Feld Reis anzubauen; unten in der Karlsaue schimmert, wie ein weißes Festzelt, die neue temporäre Documenta-Halle, die die Pariser Architekten Lacaton und Vassal entworfen haben.

          Rückkehr zu älterer Kunst

          Mohnfelder, Reisfelder, Gewächshäuser: Die erste Documenta war ursprünglich nur eine Begleitausstellung zur Bundesgartenschau 1955. Roger M. Buergel und Ruth Noack, die Leiter der Documenta XII, verwandeln Kassel in ein ästhetisches Gartenparadies. In dem geht es, anders als auf der Art Basel, die eine Woche vorher eröffnet, nicht so sehr um neue Bilder, Skulpturen und Videos, sondern um eine besondere Form von dem, was hier etwas sperrig „ästhetische Erfahrung“ genannt wird. Buergel und Noack brechen dafür mit der ungeschriebenen Regel der vergangenen Documentas, die hauptsächlich aktuelle Kunst zeigten: So viel ältere Kunst war jedenfalls an dieser Stelle zuletzt bei der ersten Documenta zu besichtigen, 1955, als Arnold Bode den Deutschen die Ursprünge der damals aktuellen abstrakten Malerei in jener Kunst der 1920er und 1930er Jahre zeigte, die die Nationalsozialisten aus den Museen verbannt hatten.

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