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„Distant Bodies“ im Nachtclub : Wenn Musikvideos Kunst werden

Ein Still aus Ryan McGinleys Video zu „Varúð” von Sigur Rós, 2012 Bild: Ryan McGinley

Für Nostalgiker und Demokraten: In Frankfurt öffnen Nachtclubs, um Videokunst aus den letzten zwanzig Jahren zu zeigen.

          6 Min.

          Der Mainzer Nachtclub Red Cat war multimedial. Über der Bar hing der alte Fernseher, dort liefen Schwarz-Weiß-Filme. Selbst wenn man direkt davor stand, musste man ganz genau aufpassen, um auf dem winzigen Bildschirm zu erkennen, was vor sich ging. Oft schienen sich die Schauspieler im Takt der Musik zu bewegen.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Auf der Tanzfläche, direkt neben dem DJ-Pult, stand der Monitor mit dem Raumschiff-Computerspiel, der immer besetzt war. Nachbartänzer konnten dort beobachten, wie sich die Leute im Weltraumkampf schlugen und welche Wechselwirkung aus Klang und Bewegung sich mit dem Programm des Mainzer Star-DJs Psycho Jones ergab.

          Im letzten Raum des Gewölbes, der eigentlich der Anbahnung von neuen Bekanntschaften diente, liefen manchmal Musikvideos auf einer Leinwand. Meistens war wenig zu erkennen, weil die Leuchtkraft des Beamers nicht ausreichte oder jemand davor tanzte. Hin und wieder schienen sich Sadé oder Jennifer Lopez die Ehre zu geben oder eine Indieband, über deren Namen dann lange diskutiert wurde, während sich die Sequenzen wiederholten. Das Video zum nächtlichen Tanz war ein einziger Dauerloop. Zu hören war aber immer die Playlist von Psycho Jones. Den später als Millennials bezeichneten Anfang Zwanzigjährigen im Raum kamen die flimmernd singenden Ikonen damals schon irgendwie retro vor. Dabei waren sie noch mit MTV aufgewachsen.

          Wer in der Schulzeit etwas auf sich hielt, gab an, nachmittags ausschließlich Musikvideos zu schauen, nicht etwa die „Simpsons“ oder „Friends“. Legionen von Mädchen und jungen Frauen verglichen ihr Profil im Spiegel mit den Körpern von Madonna und Britney Spears, marschierten im Flur auf und ab wie in einer Flugzeug-Gangway und warteten darauf, dass Bauchfrei-Mode endlich familiär anerkannt würde. Die Filmsequenzen waren für damalige Verhältnisse rasant, die musikalischen Vorbilder verlässlich, man wollte wegen der White Stripes aus Detroit Schlagzeug spielen und wegen Avril Lavigne schwarz umrahmte Augen haben und bekam überhaupt nichts mit von den Referenzen der Filmkunstwerke, die sich auf MTV unter den Popkommerz mischten.

          Zu sehen in der Schau „Distant Bodies, Dancing Eyes“: Laure Prouvost & Ciarán Wood, Leonard Cohen, „Moving On”
          Zu sehen in der Schau „Distant Bodies, Dancing Eyes“: Laure Prouvost & Ciarán Wood, Leonard Cohen, „Moving On” : Bild: Ryan McGinley

          Youtube kam und mit der Plattform neue Videos. Sie veränderten sich, die Technik wurde besser, das Budget kleiner, VJs begannen die Clubs zu bevölkern, Musiklabels begannen neue Videos anzukündigen, als handelte es sich um Albumneuerscheinungen. Alles bekannt, Nostalgiker können es zum Beispiel in Martin Lilkendeys „100 Jahre Musikvideos“ nachlesen. Und je älter man wurde, desto weniger einprägsam schienen die musikalischen Filmgeschichten. Wenn man dann abends eine von denen wiedererkannte, die mit einem Ausnahmegefühl verbunden waren, „Everybody Hurts“ von REM vielleicht, Jake Scotts grandiose Momentaufnahme eines Staus auf einem Autobahnkreuz in Texas, die sich auf Fellini bezog, war zwar die Stimmung dahin, aber das Gefühl wieder da, und alle starrten gebannt auf diese perfekte Komposition aus Erzählung, Klang, Licht, Bewegung und Assoziation.

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