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Digedags und „Abrafaxe“ : Comic-Komik à la DDR

Fatimas Heimkehr: Mosaik Comichefte von 1975 Bild: Mosaik/Abrafaxe

Bildergeschichten sollten sie heißen, nicht Comics. Aber verzichten mochte das Regime so wenig auf die „Abrafaxe“ wie wir heute. Über den Werdegang ostdeutscher Superhelden.

          4 Min.

          Ein Anglizismus? Horribile dictu, nicht in diesem Land! Englisch war die Sprache des Klassenfeinds, und Comics waren seine Waffe im Klassenkampf, eingesetzt zur Aushöhlung der künftigen Widerstandskraft unschuldiger Kinder. Nur schade, dass die Bereitschaft auch einer freien deutschen Jugend, das Vergnügen der Comic-Lektüre zu entbehren, ungefähr so groß war wie die zum Verzicht auf Karamellbonbons (Gift für die Zähne, man musste die Menschheit also davon genauso befreien). Doch vor dem Bau der Mauer im Jahr 1961 war der ungeregelte Warenverkehr zwischen West und Ost – in Gegenrichtung war weniger los – nicht zu unterbinden. Was wiederum den Vorteil hatte, dass die DDR in heiklen politischen Lagen die Schuld dem bösen Einfluss der Comics zuschieben konnte: Superhelden als Superschurken.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So vor allem 1953, nach dem Volksaufstand des 17. Juni. Fortan war dem Ost-Berliner Regime zweierlei klar. Erstens: Man musste den Comiczufluss aus dem Westen eindämmen. Zweitens: Man musste den jungen Lesern eine Alternative bieten. Das Ministerium für Kultur, Hauptabteilung Schöne Literatur, brauchte zwei Jahre Bedenkzeit, aber dann erbat es von den Kinder- und Jugendbuchverlagen in der DDR einen Überblick über deren geplante Aktivitäten im „Kampf gegen die Gangsterliteratur“. Da das, was dann an konkreten Plänen eintrudelte, nicht eben vielversprechend war, bekam ein gerade dreißigjähriger selbständiger Illustrator grünes Licht und vor allem die notwendige Papierzuteilung für seine Idee eines ebenso lehrreichen wie völkerverbindenden monatlichen Bilderheftes namens „Mosaik“, in dem drei Kobolde namens Dig, Dag und Digedag Länder und Zeiten durchreisen sollten, um Abenteuer in den bekanntesten historischen Kontexten zu erleben. Man könnte sich an Asterix erinnert fühlen, aber der wurde erst vier Jahre später erfunden.

          „Eine Weile blieben die Digedags noch Gäste des Stammes“
          „Eine Weile blieben die Digedags noch Gäste des Stammes“ : Bild: HDG Bundesrepublik Deutschland

          Der junge Illustrator hieß Johann Hegenbarth und hatte zur Unterscheidung von seinem berühmten Zeichneronkel Johannes Hegenbarth das Pseudonym Hannes Hegen gewählt. Um sich versammelte er eine Schar von Mitarbeitern, die er scherzhaft das „Mosaik-Kollektiv“ nannte – irgendetwas sozialistisch Klingendes musste dieses Privatunternehmen ja vorzuweisen haben. Politische Indoktrination war Hegens Sache nicht; er ließ um seine Helden, die als Trio auf den Namen „Digedags“ hörten, unterhaltsame Geschichten erzählen, die manches zu bieten hatten – Exotik (aber was war angesichts der Reisebeschränkungen für DDR-Bürger nicht exotisch?), Humor (eine Analyse des spezifischen Digedag-Jargons ist immer noch ein Desiderat), Bildungsbruchstücke (die in die Abenteuer eingeschobenen populärwissenschaftlichen Mittelseiten der Hefte sind heute fast so legendär wie die Abenteuer selbst) –, aber keine Polemik. Das sollte in den später etablierten Bildergeschichten der DDR-Jugendzeitschriften „Atze“ oder „Frösi“ anders sein, und selbstverständlich wurde dem „Mosaik“ seine relative Zurückhaltung staatlicherseits verübelt.

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