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Transmediale Berlin : Der heißeste Platz der Hölle

„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“: Es ist nicht alles rosa, was glänzt. Bild: Luca Girardini

Digitale Fegefeuer: In der Berliner Akademie der Künste widmet sich die Transmediale den Auswüchsen des Digitalkapitalismus. Sie stellt die richtigen Fragen, auf die noch niemand eine Antwort hat.

          4 Min.

          Der Himmel hängt tief im Film von Tian­zhuo Chen. Auf einer Insel stehen Gebetsmühlen, auf denen Mantras für die Zukunft aufgeschrieben sind. Sie schwingen im Wind, leise und doch klimpernd. Dann folgt der Szenenwechsel: Landmaschinen liegen brennend in der tibetanischen Wüste. Schädel flackern in gleißendem Licht auf, ebenso Grafiken, die nicht genau zu erkennen sind. Animation und Realität verschmelzen. Dazu erklingen tantrische Mönchsgesänge – ob das nun die Hölle oder der Himmel ist, bleibt ungewiss, so ungewiss wie die Frage, ob das Digitale eine Erlösung sein kann.

          Dantes Inferno digital

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          In der Akademie der Künste im Berliner Hanseatenweg widmet sich das Kunstfestival Transmediale mit seiner Hauptausstellung „Abandon all hope ye who enter here“ den Auswüchsen des Digitalkapitalismus. Neun Künstler sollen erforschen, welche Folgen die Fehlfunktion und Instrumentalisierung von Technologie auf das menschliche Leben haben, heißt es im Eröffnungstext. Schon der Titel deutet die Wegrichtung an, in die die Kuratorin Lorena Juan geht: Über dem Höllentor in Dantes „Inferno“ ist „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate“, „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“, eingraviert. Neun Höllenkreise gibt es in der „Göttlichen Komödie“ – Limbo, Lust, Wut, Völlerei, Gier, Häresie, Gewalt, Betrug und Verrat. Und diese sind auch die Themenschwerpunkte der Arbeiten dieser Tour durch die Digitalhölle. Überall fallen die Schlagworte der Kritik: „Technoscience“, „digitaler Turbokapitalismus“ und die „totalitäre Informatik“. Die digitale Sphäre, so scheint es hier, ist nur vom Bösen durchsetzt. Chens Dreikanalinstallation ist das erste Eingangstor und zeigt eine Welt ohne Menschen in einem Übergangsort der Elemente, von Wüste und Wasser. In der Mitte des Videos sind wieder aufgebahrte Schädel zu sehen, darüber klettern animierte Skorpione – Symbole der Wiedergeburt. Chen, die in Peking arbeitet und für ihre exzentrischen Videoarbeiten bekannt ist, schafft ein digitales Vanitasgemälde, das symbolgeladen und subtil zugleich ist.

          Quälend ist hingegen die Installation „The Mad Man’s Laughter“ der libanesischen Künstlerin Alaa Mansour. Ihre brutale Collage zeigt Drohnenkämpfe, Soldaten im Nahen Osten, Folterungen und Aufnahmen aus Überwachungskameras. Diese „digitalarchäologischen Ausgrabungen“, wie die Künstlerin das Archivmaterial nennt, verbindet sie mit animierten Filmfragmenten aus Egoshooter-Computerspielen, wie GTA oder Doom. Militär und Unterhaltungsindustrie gehen in dem langatmigen und dennoch schockierenden Film eine Symbiose ein. Am Ende morpht sie die Gesichter der Menschen, die am meisten unter dem Krieg leiden, mit digitalen Bildern – den Flüchtlingen. Die Digitalisierung habe Freiheit, aber auch noch mehr Krieg über die Menschheit gebracht, scheint die Grundaussage dieser Videoarbeit zu sein.

          Optimistischer ist die in London und Freetown arbeitenden Künstlerin Ibiye Camp. Sie fängt in ihrem Video „Remaining Threads“ die untergegangene Webereikultur Nigerias ein. Der Straßenlärm der Metropole Buguma schafft eine sonore Klangkulisse, während immer wieder die Injiri-Tücher eingeblendet werden, die mit ihren feinen Mustern und expressiven Farben im Wind wehen. Seit zwanzig Jahren werden die Injiri-Kleider, die bei den religiösen Kalabari-Zeremonien getragen werden, in Massenproduktion und mithilfe digitaler Designvorlagen in China hergestellt, wodurch viele Weberinnen ihre Arbeit verloren. Ibiye Camp reflektiert diese wirtschaftliche Transformation und untersucht in ihrem Video auch die Folgen des Automatisierungsprozesses für die Religionsausübung und die soziale Rolle der Frauen. Doch anders als bei Mansour gibt es bei ihr noch etwas Hoffnung.

          Die skurrilste Arbeit stammt von Stine Deja, die 1986 in Dänemark geboren wurde. Mit „Dawn Chorus: Beta 2020“ hat sie ein Werk geschaffen, das sich mit dem Zusammenwachsen von Mensch und Maschine beschäftigt. Mehrere Kinderwagen sind auf einer Steinplatte aufgereiht, sie tragen aber keine Neugeborenen, sondern Bildschirme mit Avataren. Ihr gehe es um digitale Versprechungen und den „cruel optimism“, den Wissenschaftsoptimismus, der mit der Digitalisierung einhergeht. Die Avatare im Kreis feiern mit Chorgesängen ihre Wiedergeburt und beschwören die Möglichkeit eines Lebens nach dem klinischen Tod ihrer menschlichen Körper, die „kryonisch“, also bis auf den letzten Zellkern, eingefroren wurden. Dabei ist das nicht einmal ein utopisches Szenario. Vierhundert Menschen auf der Welt haben sich bisher einfrieren lassen – im Glauben an ein Leben nach dem Tod und die digitale Wiederherstellung des Körpers.

          Doch der Mittelpunkt der Hölle ist in der Akademie der Künste ein anderer, die vier Meter hohe Medienskulptur „En­largement“ aus Stahl und Bildschirmen, des irischen Künstlerkollektivs Annex. Diese soll die Datenzentren symbolisieren, die auf dem gesamten Globus die pulsierenden Herzen des Internets formen, aber auch Landschaften zerstören und diese durch den enormen Energieverbrauch des Internets aufheizen. Die In­stallation war der irische Beitrag zur Biennale in Venedig 2021. Die Künstler zeigen in ihren Videos die Rechenzentren als digitale Lagerfeuer, als Orte der sozialen Interaktion und als gesellschaftliche Foren ohne Menschen. Thermographische Bilder, Kabel und Ventilatoren umgeben die Bildschirme. Jeder Like, jedes Abspeichern in der „Cloud“, jeder Scroll schafft Wärme. Das verbindet das Kollektiv mit Tonaufnahmen von Computern, die in einer Grotte auf Valentia Island in Irland aufgezeichnet wurden, wo 1857 das erste Transatlantikkabel an Land gezogen wurde. Die Lautstärke und Hitze werden immer unerträglicher. Nur eins ist gewiss: der ökologische Fußabdruck der Digitalisierung wird durch jede noch so kleine Suchanfrage auf Google größer.

          Aber was ist schlussendlich die übergreifende Aussage der neun Künstler? Es gibt wenig Hoffnung im Kampf gegen die Auswüchse der computergesteuerten Welt. Das gesamte Festival mit dem Titel „For Refusal“ sucht in diesem Jahr nach Strategien der Verweigerung und deren Verankerung im Alltag. Seit Jahren kritisiert die Transmediale beispielsweise den Meta-Konzern und seine Applikationen, weswegen 2018 ihr Instagram-Account aufgegeben wurde. Eine wirkliche Lösung für die Frage liefert die Ausstellung leider nicht. Doch zumindest die Reflexion darüber scheint ein erster Schritt zu sein, wie auch Dante feststellte: „Der heißeste Platz der Hölle ist für jene bestimmt, die in Zeiten der Krise neutral bleiben.“

          Abandon all hope ye who enter here. Akademie der Künste, Berlin; bis 18. Februar. Es erscheint eine kleine Broschüre.

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