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Ankauf Rohlfs-Bild in Dortmund : Die Qualen des modernen Herkules

Die Wünschelrute des Schicksals: Der 1917 gemalte „Jüngling am Scheideweg“ von Christian Rohlfs (1849 bis 1938). Bild: Bridgeman

Das Dortmunder Museum Ostwall hat ein Hauptwerk des expressionistischen Malers Christian Rohlfs erworben. Es zeigt einen jungen Mann am Scheideweg zwischen zwei allegorischen Frauenfiguren.

          3 Min.

          Seit Kurzem hängt es stolz an der Wand der Expressionistensammlung des Museums Ostwall im sogenannten „Dortmunder U“: Christian Rohlfs Ölgemälde „Jüngling am Scheidewege“ aus dem Jahr 1917, un­über­seh­bar groß monogrammiert und da­tiert in der rechten unteren Ecke mit „CR 17“. Innerhalb von Rohlfs’ sonst eher kleinformatigerem Œuvre ist es schon deshalb ungewöhnlich, weil es mit 124 mal 118 Me­tern das größte Bild ist, das er überhaupt ge­malt hat.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Es zeigt einen jungen Mann in rotem Gewand im Gespräch mit einer älteren verhüllten Gestalt links und einer jüngeren Frau; sein Gesicht ist der jüngeren zugewandt, die ihre rechte Hand auf seinen Rücken legt und zu ihm spricht. Wo die Szene spielt, bleibt unklar: Der flächig ge­haltene Hintergrund deutet mit seinen Ed­vard-Munch-haften Bodenwellen einen steil ansteigenden Weg über dem Kopf des Jünglings an, der aber ebenso glatt und topfeben ist wie dessen roter Mantel. Die ex­pressive Farbgebung – ein spannungsreicher Komplementärkontrast zwischen Rot und Grün – unterstreicht die Bedeutung der hier offenbar zu treffenden Entscheidung. Denn die in einen braungrün changierenden Kapuzenmantel gehüllte Ge­stalt, die weniger wie ein Mönch als vielmehr wie eine ältere Frau wirkt, hält die Hände an die Wangen, was wie ein Ge­stus der Verzweiflung über gesehenes Unheil wirkt. Das Verhärmt-Leidvolle deutet Rohlfs durch die Kantigkeit ihrer Nase an, während die jüngere Frau einen zart ge­schwungenen Nasenrücken aufweist.

          Die herkulische Aufgabe der Entscheidung

          In dieser Disposition – eine verführerische Dame mit in der Taille eng gegürtetem Kleid, Lippenstift, nachgezogenen Au­genbrauen und üppigem Dekolleté will ei­nen jungen Mann mutmaßlich zu etwas be­wegen und ist im Begriff, ihn mit der Hand an dessen Schulter schon sanft, aber be­stimmt in ihre Richtung ziehen – erinnert die Komposition an die seit dem Altertum bekannte und vielgemalte Ikonographie des „Herkules Prodikos“. Dieser ist der Prototyp des Heroen am Scheideweg; der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat ihm einen seiner luzidesten Essays gewidmet: Der eine Weg, der zur Auswahl steht, ist steil, dornig und voller Steine und bringt Ruhm erst nach Durchleiden vieler Mühen. Der zweite Weg verläuft verführerisch mühelos und plan, führt aber nicht nach oben. In der griechischen Antike war das naturräumlich Tugend und Laster veranschaulichende Sujet so verbreitet, dass bisweilen ein einfaches „Y“ reichte, um den Betrachtern das Zagen des Herkules zu versinnbildlichen. Selbst im Alten Testament gibt es in Hesekiel 21,21 den babylonischen Kö­nig, der an einer Scheide steht zwischen „zwei Wegen, dass er sich wahrsagen lasse“. Auch diese Stelle kannte der bibelfeste Künstler wohl, sodass sein Bild vermutlich eine Synthese aus Hesekiel und einer in die Moderne überführten, um Lö­wen­fell und Keule entschlackten Form des herkulischen Scheidewegs zeigt.

          Rohlfs’ Gemälde ist ein Bild des Zwiespalts im Wortsinn: Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, mitten durch das leuchtend rote Gewand des jungen Mann verläuft eine gekurvte sonnengelbe Linie, als sei es der Rocksaum. Das energetische Gelb geht aber sowohl in die Beine und bis in die merkwürdig hufartigen Schuhe über als auch über seine rechte Schulter hinaus. Hier wirkt es, als gabelte sich die Sonnenfarbe wie eine Rute, was nicht nur den Scheideweg optisch und inhaltlich verdoppeln würde, sondern auch die Deutung.

          So läge mit der Wünschelrute in Gelb neben dem Scheideweg der griechischen Mythologie und der Bibel noch ein dritter, biographischer nahe: Rohlfs – wie viele an­dere – wurde durch den Ersten Weltkrieg in eine Schaffens- und Sinnkrise gestürzt. Zum Entstehungszeitpunkt des „Scheidewegs“ 1917 versuchte er verstärkt, das massenhafte Sterben mit religiösen und mythologischen Bildern zu bewältigen. So könnte die Figur mit dem witwenhaft verhüllten Antlitz für Tod und Krieg stehen, die junge Frau für Aufbruch und Zukunft. Rohlfs hätte damit nicht nur ein Durchhaltebild zur Eigenmobilisierung gemalt, sondern auch die tradierte Ikonographie des Scheidewegs umgekehrt: Opulenz statt Bitternis.

          Ins Dortmunder Museum Ostwall mit seinem Bestand von bereits fünfundzwanzig Werken von Christian Rohlfs passt das Bild auch deshalb in besonderer Weise, weil die Kustodin Leonie Reygers in den Fünfziger- und Sechzigerjahren den Fokus auf diese Phase des Künstlers legte. Vom Jahr 1901 an gelangte der Maler auf Einladung von Karl Ernst Osthaus in Hagen zu dem Stil, der auch „Am Scheidewege“ einzigartig macht: Die expressive Farbflächigkeit ersetzt Perspektive, dramatisiert aber zu­gleich die Aussage. Glasklar wie in ei­nem mittelalterlichen Kirchenfenster ist hier eine menschliche Grunderfahrung auf gültige Weise formuliert.

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