https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/die-motte-feind-des-museumsschatzes-17204264.html

Kampf gegen Insekten in Museen : Museumsgrauen

In Blickling House von Mottenfraß bedroht: ein von Kathjarina der Großen in Auftrag gegebener Gobelin mit ihrem Vorfahren Peter dem Großen. Bild: dpa

Der Lockdown hat unsere Museen zur Ruhe gebracht. Und allerlei nun ungestörte Schädlinge zum Vorschein. Zeit, sich die Rücksichtslosigkeit der Evolution zum Schutz des Wahren, Schönen und Guten zunutze zu machen.

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          Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Massenkämpfen: Wir, die Menschheit, gegen eine erdrückende numerische Übermacht, nicht erst seit einem Jahr an der Virusfront, sondern schon seit Beginn aller Zivilisation, die bekanntlich vom Prinzip der Aufbewahrung (Speisen, Textilien, Tote) ihren Ausgang nahm, gegen all das Winzgewimmel, das uns die Natur eingebrockt hat: Milben, Mehltau, Würmer, Wanzen!

          Die Hälfte seines Leben spritzt man, und zwar vergebens. Die andere Hälfte verbrachten wir Kulturfreunde bislang im Museum und sorgten dafür, dass dort genügend Unruhe herrschte, damit sich unsere Nemesis nicht auch dort noch breitmachen konnte. Nichts lieben Plageexistenzen wie Motten, Silberfische, Kakerlaken oder Holzwürmer mehr als Stille und Dunkelheit. Also genau das, was pandemiebedingt seit Monaten in den Ausstellungsräumen herrscht, weshalb die Museen Alarm geschlagen haben. Wusste doch schon der Meister des kosmischen Grauens, H.P. Lovecraft, in seiner 1932 verfassten Erzählung „The Horror in the Museum“ (die so gruselig war, dass er sie einer Schauerschriftstellerkollegin abtrat, die sie dann unter ihrem Namen veröffentlichte) Gänsehaut zu erzeugen mit dem bloßen Satz: „Der Hauptsaal des Museums lag in gespenstischer Verlassenheit da.“ Kurz darauf gefolgt von: „Aber die Einsamkeit an diesem Ort war schrecklich.“

          Er imaginierte Wesen aus unerdenklichen Tiefen, die uns mit ihren Rüsseln, Tentakeln, Saugnäpfen, Scheren und sechs Beinen wie auf Übermenschengröße gebrachte Mikroben erscheinen könnten – wäre das Rasterelektronenmikroskop nicht erst 1937 zum Einsatz gekommen, in Lovecrafts Todesjahr. Doch Urängste brauchen keine empirische Basis. Wie die Motten aussehen, die sich etwa im englischen Landsitz Blickling Hall derzeit durch einen von Katharina der Großen in Auftrag gegebenen Gobelin oder die Tagesdecke des Thronbaldachins von Queen Anne fressen, kann man sich gut vorstellen. Man will es nur nicht. Und deshalb haben die Konservatoren dort nun Trichogramma evanescens zum Einsatz gebracht, die Schlupfwespe, natürliche Feindin des Kulturmurksers Motte, weil sie ihre Eier in die seinen ablegt, worauf sich die kleinen Wespen von den Larven ernähren.

          Auch keine angenehme Vorstellung, aber warum sollen wir uns die Rücksichtslosigkeit der Evolution nicht zum Schatz des Wahren Schönen Guten gegen die „unendliche kosmische Bösartigkeit“ (Lovecraft) zunutze machen? Zweitausend Schlupfwespen kosten im Internet nicht einmal drei Euro, wie aber wäre der Wert der königlichen Tagesdecke zu bemessen? Nieder mit dem „wimmelnden Chaos“ – wie Lovecraft eine weitere Erzählung betitelte, auch die übrigens so schlimm, dass er die Publikation einem Kollegen überließ.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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