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Symbolisten-Schau in Berlin : Hinterm Zauberwald die Kokerei

Die Alte Nationalgalerie Berlin zeigt die Kunst des belgischen Symbolismus – und führt eindrucksvoll vor Augen, dass zur Moderne immer auch die Antimoderne gehört.

          4 Min.

          Am Anfang von Joris-Karl Huysmans’ Roman „Gegen den Strich“ zieht der Held, ein adliger Snob, aus dem Pariser Zentrum an die Peripherie. Weil er nur nachts im Schein von Kerzen und Öllampen aktiv ist, lässt er die Wände seines Hauses mit hellem Saffianleder verkleiden, das die künstliche Helligkeit verstärkt. Noch wichtiger sind ihm die Fenster: Ihre Scheiben aus blauem, goldgesprenkeltem Trübglas „schnitten die Aussicht auf das Land ab und ließen nur ein gedämpftes Licht eindringen“. Denn Jean Des Esseintes hasst die Menschheit, aus Prinzip wie aus Erfahrung; seine Liebe gilt allein der Kunst.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Symbolismus ist der Versuch, eine Welt zu erschaffen, indem man die Welt ausblendet. Die trübgoldenen Scheiben, die Des Esseintes in seine Fensterrahmen setzt, werden bei den Symbolisten zu Bildern von Landschaften, Städten, Innenräumen, Traumszenen, mythischen und realen Menschen, die sich alle erdenkliche Mühe geben, den Blick auf die geschichtliche Wirklichkeit dahinter zu verstellen.

          Spuklicht und taumelnde Zeichen

          In den drei Jahrzehnten zwischen 1880 und 1910, in denen die symbolistische Kunst blüht, macht Europa den dramatischsten Wandel seit Beginn der Neuzeit durch, der Kontinent industrialisiert sich im Eiltempo, ganze Landstriche werden aufgewühlt und verheizt auf der Suche nach Kohle, Eisen und Zinn. Belgien liegt bei diesem Wettlauf weit vorn, seine südliche Landeshälfte Wallonien ist die zweitgrößte Industriemacht nach England. Zugleich geht das Leben der Bauern in Flandern und der Bürger in den nördlichen Handelsstädten im alten Takt weiter. Es gibt Gewerkschaften in den Fabriken und Handarbeit auf den Feldern. Nie waren die Gegensätze größer, die Kontraste schärfer.

          Nichts davon sieht man in den Werken der symbolistischen Kunst. Im Gegenteil, ihre wichtigste Anstrengung scheint darin zu bestehen, die Schärfe aus den Bildern zu nehmen, sie durch weichgezeichnete Interieurs, Sfumato-Gesichter und verhangene Horizonte zu ersetzen. In der großen Ausstellung, mit der die Alte Nationalgalerie in Berlin den belgischen Symbolisten huldigt, gibt es so gut wie kein Beispiel jenes akademischen Realismus, der im wilhelminischen Deutschland damals den Ton angab; und wenn die Umrisse doch einmal deutlich gezeichnet sind, wie bei Félicien Rops oder Léon Frédéric, geht die Klarheit der Form im Taumel der Zeichen, im Spuklicht abgründiger Satire oder überschäumender Salonmalerei verloren.

          Ralph Gleis, der Leiter der Alten Nationalgalerie, hat 2007 ein Jahr lang am Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen gearbeitet und die belgische Museumslandschaft gründlich erkundet. Das erklärt die Vielzahl der Leihgeber, aber nicht annähernd die Kennerschaft und kuratorische Präzision, mit der die gut hundertachtzig Stücke aus öffentlichen und privaten Sammlungen zusammengestellt sind. „Dekadenz und dunkle Träume“ ist ein Liebeswerk, wie es selbst in der dicht gewobenen deutschen Museumslandschaft nur selten vorkommt, ein Monument der Hingabe eines Experten an sein Thema.

          Nervengift statt milde Düfte

          In dieser Hingabe steckt auch ein Wesenszug der symbolistischen Kunst, denn man konnte ihr, anders als den mäßiger temperierten Impressionisten, nicht nüchtern betrachtend gegenübertreten. „Entweder man heult, oder man kotzt“, hat die Filmkritikerin Frieda Grafe über die Wirkung von Kino-Melodramen geschrieben, und das gilt auch für die Kunst von Khnopff, Spillaert, Van Rysselberghe und tutti quanti. Sie ist auf Schock, Ekstase, Angstlust und Ekel statt auf Wohlgefallen berechnet; sie verströmt Nervengift statt milde Düfte.

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