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Anne Imhof in Paris : Sehnsucht nach Licht in der Katakombe

  • -Aktualisiert am

Anne Imhofs „Maze“ im Pariser Palais de Tokyo, 2021 Bild: Crédit/Andrea Rossetti

Die Weltenschöpferin: Carte blanche für Anne Imhof im Pariser Palais de Tokyo. Das Publikum bewegt sich durch eine immense Installation.

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          Wer eingeladen wird, das der Gegenwartskunst gewidmete Palais de Tokyo mit seinen 22.000 Quadratmetern in einem selbstgestalteten Dialog zwischen eigenen und den Werken anderer Künstler zu bespielen, steht vor einer herkulischen Aufgabe. Schon mancher Künstler hat sich an diesem monumentalen Gebäude aus den Dreißigern die Zähne ausgebissen. Als das heruntergekommene Museumspalais vor zwanzig Jahren saniert werden sollte, trafen die Architekten Lacaton und Vassal die Entscheidung eines minimalen Eingriffs. Nackte Beton- und Backsteinwände wurden belassen, Röhren, Kabel, aber auch Spuren der Abnutzung bleiben sichtbar. Es herrscht eine urbane Underground-Ästhetik, mit der man allmählich – der Bau hat Hanglage und wird von oben betreten – in katakombische Tiefen hinabsteigt.

          Dass sich eine Künstlerin wie die 1978 in Gießen geborene Anne Imhof von einem derart hybriden Ort herausgefordert fühlt, wundert nicht. Ihr letztes Opus „Sex“ führte sie als Performance-Ausstellung in den unterirdischen Tanks der Tate Modern auf. Eine dreistündige Filmversion ist jetzt auch in Paris zu sehen. Schon 2017 hatte sich Imhof auf der Venedig-Biennale den, allerdings weitaus kleineren, Deutschen Pavillon als Bauwerk zu Eigen gemacht, um es Teil ihrer Performance-Installation „Faust“ werden zu lassen. Die Präsenz der Schauspieler und gleichzeitig des Publikums – das Physische als Interaktion und Ausdruck von Körpern – stand im Vordergrund. Immer schuf sie autonome Werke zu ihren Performances: Gemälde und plastische Werke neben unzähligen Zeichnungen, mit denen sie ihre Arbeit entwickelt.

          Verdeckte Fenster

          Im Palais geht sie nun einen Schritt weiter und bemächtigt sich des gesamten Raumes. Das Gebäude selbst wird Protagonist einer immensen Installation, durch die sich nun statt der performenden Schauspieler das Publikum bewegt. Imhof hat trennende Wände einreißen lassen, neue, gedehnte Perspektiven hergestellt, das Licht zuvor verdeckter Fenster gesucht oder Abgründe in tiefer gelegenen Räume aufgetan. Gleich am Anfang öffnet sie die Eingangshalle hin zur weiten Flucht eines ersten, sich bogenförmig dehnenden Saales, legt dabei den dünnen Säulen wie zum Schutz schwarze Schaumstoffmatten um. Denn man betritt auch eine Kampfarena, in der die Weltenschöpferin Imhof mit Raum und Licht ringt, um sie ihrem Werk zu Nutze zu machen. Das einfallende Licht als Grundfrage aller Malerei bekommt bei ihr eine entscheidende Rolle, wird in seinem Changieren zum gestaltenden Element.

          Eines ihrer Gemälde hängt monolithisch in der Eingangshalle. Es spiegelt den Raum in einer schwarzglänzenden Fläche, in die eine sanft gekrümmte Linie eingeritzt wurde. Dem Elan dieser Lebenslinie auf melancholisch schwarzem Grund folgt man wie einer Weisung ins Abenteuer eines faszinierenden Parcours. Imhof öffnet Räume, aber sie gibt ihnen auch neue Strukturen, baut transparente Alleen-Gänge oder labyrinthartige Kammern aus ausrangierten Bürofenstern, auf denen noch Graffiti als Spuren ihres Vorlebens zu sehen sind. Jede Dynamik hat ihre Gegenbewegung. Läuft man in einem solchen Gang vorwärts, rennt in einem Video der amerikanischen Künstlerin Elaine Sturtevant ein Hund in Endlosschleife in die entgegengesetzte Richtung. Dann lässt ein rätselhaftes Foto von Wolfgang Tillmanns mit einem Schlafenden am Rheinufer innehalten.

          Leben und Tod

          Imhof hat ihrem Pariser Projekt den Titel „Natures mortes“ gegeben. Sie benennt damit ein melancholisches Grundgefühl, aber auch ein Spannungsfeld zwischen Gegensätzen, das in allen Bereichen der Schau spürbar oder sichtbar wird: Leben und Tod, Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand, Faszination und Bedrohung. Ob nature morte – tote Natur – oder Stillleben, der Vanitas-Gedanke ist nicht fern. Ihre Gemälde sind Ausdruck dieser Spannungsfelder, so eine Serie von sieben Ölgemälden, in denen allmählich eine Schattierung von hellen bis dunklen Orangetönen in eine Schattierung von Brauntönen ins schwarze Dunkel gleitet. Sonnenaufgang oder Welten-Untergang? Sie strahlen wie auch andere ihrer Bilder eine romantische Sehnsucht nach neuen Horizonten aus ebenso aus wie diffuse Bedrohung.

          Imhof stellt ihre eigenen Werke – auch Zeichnungen, Videos oder installative Skulpturen aus früheren Performances – in einen Dialog mit den Arbeiten von dreißig Künstlern, darunter Cyprien Gaillard, Joan Mitchell und Rosemarie Trockel. Mit seinen Zeichenstudien von Körpern und Bewegungen ist Géricault sicherlich ein Vorbild. Bei allen Projekten arbeitet sie eng mit ihrer Lebenspartnerin, der Malerin, Musikerin und Performerin Eliza Douglas zusammen. Diese ist mit ihren realistischen Popart-Gemälden präsent. In einem Video-Stillleben tanzt sie einsam in einem nächtlichen Garten vor einem Beet mit gelben Lilien. Musik und die verschiedenen Raumklänge, sind elementare Komponenten dieses Gesamtkunstwerks. Über den Köpfen kreisen beunruhigend Lautsprecher in weitläufigen Ovalen an den Schienen einer an der Decke angebrachten Installation. Je nach der Intensität der abstrakten musikalischen Kompositionen von Douglas variiert das Tempo der vom Sound choreographierten Lautsprecher.

          Monumentale Gemälde

          Immer wieder überraschen Ausstellungsbereiche oder Perspektiven. Der außerordentliche Zyklus „Achsenzeit“ von Sigmar Polke ist eine seltene Leihgabe aus der Sammlung Pinault. Für die sieben monumentalen Gemälde auf transparenter Leinwand, zwischen Abstraktion und Figuration, verwendete Polke alchimistische Farbprozesse. Man betritt das schillernde Polyptychon wie eine Krypta. Zuletzt führt der Parcours über Metalltreppen hinab in den Underground. In einem Video von David Hammonds läuft der Künstler nachts durch die Straßen von Harlem und kickt einen Blecheimer vor sich her. Das Geräusch scheppert durch die Weite des Raums und durchdringt die Seele. Die Plastik eines stilisierten goldenen Helms von Imhof liegt einzeln im Abseits einer niedrigen Nische. Von einem ihrer hohen, metallenen Sprungtürme könnte man nun in die Tiefe springen oder sich wie ein Falke (aus ihrer Performance „Angst“) aufschwingen. So verlässt man die Schau paradoxerweise voller Energie, weil Imhofs Welt von geistiger wie physischer Kraft durchströmt wird.

          Natures Mortes. Im Palais de Tokyo, Paris; bis 24. Oktober. Der Katalog kostet 19 Euro.

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