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Münter und Kandinsky : „Ich ließ mich gehen“

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Im Münchner Lenbachhaus steht die große und tiefgreifende Neupräsentation seiner dank Gabriele Münters Schenkung einzigartigen und weltweit größten Sammlung zum Blauen Reiter bevor. Mit 1908 wird sie in dem Moment einsetzen, als Kandinsky und Münter in Murnau gemeinsam mit Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky ihre für die Entwicklung der Avantgarde bedeutende künstlerische Werkphase einleiten. Im Vorlauf nahm man im Lenbachhaus die besagten, bisher in der Kunstwissenschaft nur am Rande mitlaufenden Wanderjahre unter die Lupe. Eine ausgezeichnete Publikation entführt in diesen reisearmen Zeiten auf Touren unter freiem Himmel durch deutsche Lande, nach Holland, nach Frankreich, Österreich, Italien, sogar Tunesien, und sie schürt Vorfreude auf die Wiedereröffnung der zugehörigen Ausstellung.

Die Fülle von Ölskizzen, von Zeichnungen und Fotografien, viele erstmals zu sehen, überrascht mit ungezwungener Vielfalt. Wichtige Jahre des Probierens und Experimentierens tun sich auf und, wie Sara Louisa Henn schreibt, „der Sensibilisierung“. Nirgendwo kommt man künstlerischem Denken näher als in der Skizze. Offenbar wird die Eigenwertigkeit dieser Schaffensperiode, die, vom Impressionismus beeinflusst, Natur- und Lichterscheinungen nachspürt und auf der Suche nach einer zeitgemäßen Ausdrucksform in der Malerei zur gleichen Zeit impressionismusferne Farbgebung auslotet. Zum Beispiel Kandinskys auf dunklen Karton gesetzte „Arabische Reiterei“ mit weißen Turbanen und bunten, fliegenden Tüchern, die der Künstler mit scharfem Hell-Dunkel-Kontrast und leuchtend klaren Farben in mystisch romantisches Flair taucht.

Tunesische Altstadt

Bei Münter in den allerdings hier ausgesparten druckgraphischen Arbeiten. Gouachen wie diese entstehen in Tunesien, wo das Paar einen verregneten Winter verbringt, der die Stimmung nicht hebt, aber nicht am unermüdlichen Aufsaugen der fremdartigen Kultur hindert. Münter widmet eine ihrer größten Fotoserien der Altstadt mit ihren Gassen, Bögen und festlichen Bauten; sie zeigt sich fasziniert von den dort wuselnden Kindern, von den Männern und Frauen in ihren weißen Dschellabas oder auch von osmanischen Friedhöfen.

Ein wenig herablassend verweisen die Autoren darauf, dass Kandinsky und seine „Ella“ stets mit dem Baedecker unterm Arm vorgespurte Touristentouren nahmen. Bourgeois hätten sie bequeme Unterkünfte gewählt und die bekannten Postkartenmotive besucht (also architektonische und landschaftliche Highlights). Mit dem kolonialistischen Selbstverständnis des europäischen Touristen hätten sie es versäumt, die Lebensrealität der unter dem französischen Protektorat leidenden Tunesier zu erkennen und es nicht einmal in Holland geschafft, hinter die touristischen Fassaden zu schauen.

Das ist selbstverständlich aus großer historischer Distanz durch die heutige Brille betrachtet. Die Gegenwart fühlt sich gern der Vergangenheit überlegen und profitiert davon, dass diese sich nicht wehren kann. Kandinsky und Münter reisten weder als Abenteurer noch als Forscher. Jahrzehnte früher verlegte sich der Maler Gustave Guillaumet einigermaßen dramatisch auf das harte Leben in der algerischen Sahara, seine Schilderungen hängen heute im Pariser Musée d’Orsay. „Eurozentrismus“ wird man dem Mann nicht vorwerfen. So wie Gustave Courbets „Steineklopfer“ über jeden Verdacht „stereotypisierter Betrachtungsweise“ erhaben ist oder van Goghs aus dem Mitgefühl für kärgliches Bauernleben geborene „Kartoffelesser“. Aber lassen wir doch Münter und Kandinsky die Freude an ihrer Art des Reisens, die nun mal nicht auf politischen Kommentar oder soziokulturelle Kritik fokussierte. Ihr Ziel, ihre Stärken lagen anderswo, das haben sie der Kunst- und Nachwelt überzeugend bewiesen.

Unter freiem Himmel. Unterwegs mit Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. Im Lenbachhaus, München; ab sofort bis zum Januar 2022. Der Katalog in der Edition Lenbachhaus kostet 49,80 Euro.

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