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Toyen-Retrospektive in Hamburg : Eine Königin des Unbewussten

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Viele Jahrzehnte vor Banksy: 1943 malte Toyen „Im Schloss La Coste“. Bild: VG Bildkunst Bonn 2021, Foto National Gallery Prague

Die Surrealistin Toyen taugte weder zur Muse noch zur Assistentin, sondern allein zur Künstlerin. In der Hamburger Kunsthalle ist die ganze Bandbreite ihres Schaffens zu bewundern, das allzu lange im Schatten männlicher Kollegen stand.

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          Es gibt nur wenige Künstlerinnen aus dem Kreis des Pariser Surrealismus, deren Leben und Werk die neuen Möglichkeiten für Frauen widerspiegeln, die sich den herrschenden Rollenerwartungen nicht beugen wollten. Toyen gehört sicherlich an vorderster Stelle dazu. Ihre androgyne Erscheinung kannte man zwar von männerdominierten Gruppenfotos, hatte bisher aber kaum eine Vorstellung davon, welche Entwicklung sie über sechs Schaffensjahrzehnte hinweg genommen hat. Im Jahr 2000 war ihr in Prag eine erste monografische Ausstellung gewidmet. 2021 folgte die erste Retrospektive „TOYEN“ in der Nationalgalerie, die jetzt, noch vor Paris im Musée d’Art Moderne, mit rund dreihundert Exponaten eine Station in der Hamburger Kunsthalle macht.

          Das ist ein Glücksfall, denn Toyen hat zwar Deutschland nie besucht, wurde aber bereits 1924 von dem Dadaisten und Filmemacher Hans Richter als eines der Aushängeschilder der tschechischen Avantgarde wahrgenommen. In der Zeitschrift G: Material berichtete er von seiner Reise nach Prag und der „absolutistischen Herrschaft der schönen To­yen“. „Wir haben allen ihren Bildern“, schwärmte er, „die weder an Kraft noch an Feinheit hinter denen ihrer männlichen Kollegen zurückbleiben, dieses persönliche Werk vorgezogen.“ Die für die Zeitschrift bestimmte Reproduktion mit dem Titel „Un baiser par T.S.F.“ (Ein Kuss per drahtloser Telegrafie) zeigt von Toyen signierte Lippenabdrücke. Man Rays berühmtes Gemälde „À l’heure de l’Observatoire – Les Amoureux“ (In der Stunde des Observatoriums – Die Liebenden) der am Himmel schwebenden Lippen von Lee Miller entstand erst 1932.

          1931 malte Toyen „Eine Nacht in Ozeanien“ Bilderstrecke
          Kunsthalle Hamburg : Werke Toyens aus den Jahren 1931, 1943 und 1968

          Aber wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym? Die Spurensuche führt in die Gegenwart. Seit 1945 waren Tschechinnen gesetzlich verpflichtet, an ihren Nachnamen die weibliche Endung -ova anzuhängen. Sie signalisiert ein Besitzverhältnis, man ist entweder Tochter oder Ehefrau eines Mannes. Im Juni 2021 hat das Abgeordnetenhaus in Prag nun einer Gesetzesnovelle zugestimmt, die es Frauen erlaubt, zu wählen, ob sie sich in das Schicksal eines Anhängsels fügen wollen.

          Für die 1902 geborene Marie Čermínová kam diese Option schon als Teenager nicht infrage. Mit siebzehn Jahren zog sie von zu Hause aus und gab sich den Künstlernamen Toyen – in Anlehnung an die männliche Form des in der Französischen Revolution politisch aufgeladenen Kampfbegriffs „citoyen“. Sie studierte an der Kunstgewerbeschule und trat dem Künstlerbund Devětsil bei, der gerade Kontakt zu den Pariser Surrealisten aufgenommen hatte. Auf einer kroatischen Insel lernte sie den Maler Jindřich Štyrský kennen. Sie zogen zusammen, unternahmen lange Reisen durch Europa, arbeiteten symbiotisch an Projekten – ohne jemals ein Liebespaar zu werden. Dass eines ihrer ersten Gemälde, „Polštář“ (Kissen) von 1922, Gruppensex zeigte, zeugt von dem Freiheitsstreben einer Nonkonformistin, die früh wusste, dass sie weder zur Muse noch Assistentin taugte. Die Kollegen fanden trotzdem Gefallen an dem Enfant terrible. Der Lyriker František Halas schrieb ihr gar die Widmung: „An Toyen, die aus einer magischen Gottespistole geschossen wurde, um Königin der Feuerschlucker an einer Traumküste zu werden.“ Zarte Motive mit Clowns und Akrobaten, im naiven Stil eines Henri Rousseau, wechselten sich am Anfang mit kubistisch inspirierten Gemälden ab.

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