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Frankfurter Kirche saniert : Farbe und Fundament

Blick durch das Hauptschiff von Frauenfrieden in Frankfurt-Bockenheim auf den Altarraum mit dem neuen Laienaltar von Tobias Kammerer im Vordergrund. Bild: Frank Röth

Frauenfrieden in Frankfurt ist die unbekannteste Kirche von nationalem Rang. Ihre Sanierung bringt die Gestaltungsidee des Architekten Hans Herkommer wieder zur Geltung.

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          Daran, dass der Gott, der wenige Jahre zuvor das große Sterben auf den Schlachtfeldern hatte geschehen lassen, sich darum kümmern würde, dass der richtige Architekt einen Wettbewerb gewinnt, glaubte Rudolf Schwarz offenbar nicht. Der junge Baumeister nahm lieber selbst Einfluss auf die Zusammensetzung der Jury, die im Jahr 1927 über die Gestalt der geplanten Frauenfriedenskirche in Frankfurt-Bockenheim entscheiden sollte. Gerta Krabbel, Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbunds und somit oberste Bauherrinnenvertreterin, war seine Verbündete. Und tatsächlich gewann Schwarz, der sich mit seinem Mentor Dominikus Böhm zusammengetan hatte, unter 157 Teilnehmern den Wettbewerb. Ihr radikal moderner Entwurf sah einen fast fensterlosen, rechteckigen Innenraum vor.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Allein, auch die Konkurrenz fügte sich nicht in ihr Schicksal. Hans Herkommer aus Stuttgart, der mit einem Ankauf bedacht worden war, zog seinerseits Strippen. Sein Entwurf wurde schließlich gebaut. Immerhin, Schwarz konnte seine für Frankfurt entwickelte Raumvorstellung kurz darauf mit St. Fronleichnam in Aachen verwirklichen.

          Trauer um die Gefallenen

          Die Anforderungen, denen die Architektur von Frauenfrieden genügen musste, waren vertrackt. Unter dem Eindruck des Massensterbens an den Weltkriegsfronten war die Frauenbundsvorsitzende Hedwig Dransfeld im Jahr 1916 mit der Idee hervorgetreten, dass die katholischen Frauen eine Kirche als Gedenkstätte von nationalem Rang errichten. Sie sollte der Trauer um die gefallenen Söhne, Ehemänner und Väter Ausdruck verleihen. Erste Überlegungen schwankten noch zwischen nationaler Heldenverehrung und völkerverbindendem Friedenswunsch, nach der Niederlage verlor das Gedenken alles Heldische, und die Friedensgesinnung trat in den Vordergrund.

          Trotz schwerer Rückschläge durch die Inflation war 1927 schließlich genug Spendengeld zusammengekommen, um die Idee der inzwischen verstorbenen Hedwig Dransfeld zu verwirklichen. Mit einer Einschränkung allerdings: Für eine autonome Lösung reichte die Summe nicht, stattdessen musste die Frauenfriedenskirche auf Drängen des Bistums Fulda zugleich als Gotteshaus für eine Diasporagemeinde dienen. Die Wahl fiel auf den Frankfurter Stadtteil Bockenheim, in dem sich die Zahl der Katholiken in den vorangegangenen Jahrzehnten vervielfacht hatte.

          Die Stärke von Herkommers Entwurf lag nicht zuletzt darin, dass er diese Doppelfunktion perfekt erfüllte, anders als jener des Duos Böhm-Schwarz. Pfarrhaus und Gemeinderäume ordnete Herkommer um einen Kreuzgang westlich der Kirche an, in dessen Pfeiler später die Namen von Gefallenen eingemeißelt wurden. Die Lage in einem Villenviertel an der Peripherie von Frankfurt stand der Hoffnung auf eine nationale Wirkung allerdings von Anfang an entgegen, was sich bis heute bemerkbar macht.

          Ravennahafter Eindruck

          Der Kirchenbau selbst erfüllte den hohen Anspruch schon durch seine Monumentalität, vor allem im Portalbau mit seinen drei hohen Rundbogennischen. Herkommer greift mit den drei Bögen eine Typologie auf, die auch unter jenen Kirchenarchitekten beliebt war, die der weißen Moderne anhingen. Martin Weber etwa hat sie für Heilig Geist am anderen Ende von Frankfurt benutzt. In die mittlere der Nischen wurde eine gewaltige, mit Mosaiksteinen besetzte Figur der Madonna als Regina pacis gestellt, wie sie ähnlich in der Deutschordensburg in Westpreußen zu sehen war, nur dass sie in Frankfurt mit Mosaiksteinen besetzt ist – eine an diesem Ort durchaus exotische Materialwahl, die unter den Zeitgenossen für Proteste sorgte.

          Der Innenraum greift die Typologie einer dreischiffigen romanischen Basilika auf, der ravennahafte Eindruck wird durch die Mosaiken an der Altarwand verstärkt. Das entsprach dem Zug der Zeit in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, in dem der von der Gotik inspirierte Expressionismus auf dem Rückzug war. Es ist eine abstrahierte Form von Tradition, die der Bonatz-Schüler Herkommer hier entwickelte. Er beschritt damit einen Sonderweg der Moderne, der einer heterogenen Gemeinde leichter nahezubringen war als die Radikalität des Duos Böhm-Schwarz.

          Außenansicht der Frauenfriedenskirche in Frankfurt am Abend des 04.12.2020. Über dem Hauptportal die zwölf Meter große Mosaikstatue Regina Pacis, dem Symbol für Frauenfrieden.
          Außenansicht der Frauenfriedenskirche in Frankfurt am Abend des 04.12.2020. Über dem Hauptportal die zwölf Meter große Mosaikstatue Regina Pacis, dem Symbol für Frauenfrieden. : Bild: Frank Röth

          Die Aussagekraft des Entwurfs war in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker verlorengegangen. Die Frauenfriedenskirche blieb vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs nicht verschont, auch Baumängel aus der Entstehungszeit, Notlösungen des Wiederaufbaus und der Zahn der Zeit ließen sie zum Sanierungsfall werden. Nach drei Jahren ist die fünf Millionen Euro teure Renovierung, für die Mittel des Bistums, eines eigens gegründeten Freundesvereins und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz flossen, abgeschlossen.

          Während die teuren Arbeiten an den Fundamenten für den Laien unsichtbar bleiben, sorgt die Wiederherstellung der ursprünglichen Farbfassung und der theatralen Lichtführung für eine völlig veränderte Raumwirkung. Dem Team um Architektin Ursel Härtter und Restauratorin Sanni Riek ist Großes gelungen. Wo zuletzt Nüchternheit herrschte, ist jetzt wieder eine zurückgenommene, gebrochene Feierlichkeit zu spüren. Besonders beeindruckend ist die räumliche Wirkung der Decke über dem Hochaltar mit ihren drei konzentrischen Ringen, die in Grün, Rot und Blau gehalten sind. In der Krypta mit der in eine etwas beengte Nische gerückten Pietà von Ruth Schaumann wiederholt sich diese Darstellung der Dreifaltigkeit in variierter Form.

          Blick auf die Decke im Altarraum, deren drei Kreise für die Dreifaltigkeit stehen.
          Blick auf die Decke im Altarraum, deren drei Kreise für die Dreifaltigkeit stehen. : Bild: Frank Röth

          In jedem Detail hat man sich bemüht, den Originalzustand wiederherzustellen. Nur der große Altar, den Tobias Kammerer als ovale Schale aus Metall geformt hat, kommt als neues, den Raum dominierendes Element hinzu. Er ist auf ein Podest in der Mitte des Hauptschiffes gerückt – wie es schon der Liturgischen Bewegung der zwanziger Jahre, die sich für die größere Teilhabe der Gläubigen am Gottesdienst einsetzte, vorschwebte. Dem Kontrollfreak Herkommer würde diese Intervention allerdings nicht gefallen, hatte er doch gerade für seinen Altar im aufwendig gestalteten Chorraum und für die beiden Kanzeln im Übergang zum schlicht gehaltenen Laienraum dezidiert orthogonale Formen gewählt. Im Sinne eines orthodoxen Denkmalschutzes ist der Eingriff verwerflich, im Sinne eines lebendigen Gemeindelebens aber nicht.

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