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Frankfurter Kirche saniert : Farbe und Fundament

Ravennahafter Eindruck

Der Kirchenbau selbst erfüllte den hohen Anspruch schon durch seine Monumentalität, vor allem im Portalbau mit seinen drei hohen Rundbogennischen. Herkommer greift mit den drei Bögen eine Typologie auf, die auch unter jenen Kirchenarchitekten beliebt war, die der weißen Moderne anhingen. Martin Weber etwa hat sie für Heilig Geist am anderen Ende von Frankfurt benutzt. In die mittlere der Nischen wurde eine gewaltige, mit Mosaiksteinen besetzte Figur der Madonna als Regina pacis gestellt, wie sie ähnlich in der Deutschordensburg in Westpreußen zu sehen war, nur dass sie in Frankfurt mit Mosaiksteinen besetzt ist – eine an diesem Ort durchaus exotische Materialwahl, die unter den Zeitgenossen für Proteste sorgte.

Der Innenraum greift die Typologie einer dreischiffigen romanischen Basilika auf, der ravennahafte Eindruck wird durch die Mosaiken an der Altarwand verstärkt. Das entsprach dem Zug der Zeit in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, in dem der von der Gotik inspirierte Expressionismus auf dem Rückzug war. Es ist eine abstrahierte Form von Tradition, die der Bonatz-Schüler Herkommer hier entwickelte. Er beschritt damit einen Sonderweg der Moderne, der einer heterogenen Gemeinde leichter nahezubringen war als die Radikalität des Duos Böhm-Schwarz.

Außenansicht der Frauenfriedenskirche in Frankfurt am Abend des 04.12.2020. Über dem Hauptportal die zwölf Meter große Mosaikstatue Regina Pacis, dem Symbol für Frauenfrieden.
Außenansicht der Frauenfriedenskirche in Frankfurt am Abend des 04.12.2020. Über dem Hauptportal die zwölf Meter große Mosaikstatue Regina Pacis, dem Symbol für Frauenfrieden. : Bild: Frank Röth

Die Aussagekraft des Entwurfs war in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker verlorengegangen. Die Frauenfriedenskirche blieb vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs nicht verschont, auch Baumängel aus der Entstehungszeit, Notlösungen des Wiederaufbaus und der Zahn der Zeit ließen sie zum Sanierungsfall werden. Nach drei Jahren ist die fünf Millionen Euro teure Renovierung, für die Mittel des Bistums, eines eigens gegründeten Freundesvereins und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz flossen, abgeschlossen.

Während die teuren Arbeiten an den Fundamenten für den Laien unsichtbar bleiben, sorgt die Wiederherstellung der ursprünglichen Farbfassung und der theatralen Lichtführung für eine völlig veränderte Raumwirkung. Dem Team um Architektin Ursel Härtter und Restauratorin Sanni Riek ist Großes gelungen. Wo zuletzt Nüchternheit herrschte, ist jetzt wieder eine zurückgenommene, gebrochene Feierlichkeit zu spüren. Besonders beeindruckend ist die räumliche Wirkung der Decke über dem Hochaltar mit ihren drei konzentrischen Ringen, die in Grün, Rot und Blau gehalten sind. In der Krypta mit der in eine etwas beengte Nische gerückten Pietà von Ruth Schaumann wiederholt sich diese Darstellung der Dreifaltigkeit in variierter Form.

Blick auf die Decke im Altarraum, deren drei Kreise für die Dreifaltigkeit stehen.
Blick auf die Decke im Altarraum, deren drei Kreise für die Dreifaltigkeit stehen. : Bild: Frank Röth

In jedem Detail hat man sich bemüht, den Originalzustand wiederherzustellen. Nur der große Altar, den Tobias Kammerer als ovale Schale aus Metall geformt hat, kommt als neues, den Raum dominierendes Element hinzu. Er ist auf ein Podest in der Mitte des Hauptschiffes gerückt – wie es schon der Liturgischen Bewegung der zwanziger Jahre, die sich für die größere Teilhabe der Gläubigen am Gottesdienst einsetzte, vorschwebte. Dem Kontrollfreak Herkommer würde diese Intervention allerdings nicht gefallen, hatte er doch gerade für seinen Altar im aufwendig gestalteten Chorraum und für die beiden Kanzeln im Übergang zum schlicht gehaltenen Laienraum dezidiert orthogonale Formen gewählt. Im Sinne eines orthodoxen Denkmalschutzes ist der Eingriff verwerflich, im Sinne eines lebendigen Gemeindelebens aber nicht.

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