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Frankfurter Schau „Crip Time“ : Die Einsamkeit der Beinprothese

Das Museum für Moderne Kunst Frankfurt hält uns mit Kunstwerken der Behinderung und Beeinträchtigung den Spiegel vor. Durch die formstarke Sensibilisierung ist es die gültige Ausstellung zu Corona.

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          Noch immer gibt es kein überzeugendes Kunstwerk zu Corona, schlicht deshalb, weil Illustratives oder gar politisch Bestelltes nie Kunst sein kann. Die Ausstellung „Crip Time“, übersetzt etwa „Verkrüppelte, also extrem verlangsamte Zeit“, im Frankfurter MMK allerdings ist die gültige Schau zur Pandemie, obwohl das nicht im Mindesten die Intention der kuratierenden Direktorin Susanne Pfeffer war. Indirekt aber kann sie mit dem Einschluss aller wohl dennoch Frieden schließen, da sie sich mit dem Ausstellen der Kunst im weitesten Sinn Behinderter gegen jede Art von Benachteiligung und Ausschluss durch Disfunktionalität wendet und darauf besteht, in „Krankheit“ nicht nur eine individuelle Angelegenheit zu sehen, vielmehr eine gesamtgesellschaftliche und vorgebliche „Gesundheit“ als politische Setzung kritisch zu hinterfragen.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Hätten herzlose Zeitgenossen eine solche Ausstellung vor Corona noch als „special interest“ oder mundgemalte Bethel-Postkarten-Kunst abkanzeln können, fällt dies nun erheblich schwerer, kennt doch inzwischen jeder einen Menschen, der durch Long Covid und oft trotz jugendlichen Alters nach wenigen Treppenstufen stehen bleiben und keuchend Atem holen muss. Die Pandemie hat somit alle zu zeitweise „Eingesperrten“, medizinisch ständig zu testenden, Behinderten, teils sogar ernsthaft Erkrankten gemacht. Höchste Zeit daher, sich jene Hindernisse klarzumachen, denen Künstler mit Behinderungen tagaus, tagein ausgesetzt sind und in deren Überwindungsstrategien allein oft schon Kunst liegt. Dabei gibt es eine Schieflage zwischen alter und neuer „Crip“-Kunst. Denn den völlig verwachsenen und früh verstorbenen Toulouse-Lautrec oder den späten Matisse, der aufgrund von Operationskomplikationen nichts mehr außer groben Scherenschnitten fertigen konnte, wie auch den öffentlich im Rollstuhl an ALS dahinsiechenden Maler Immendorf oder Hendrick Goltzius als einen der Höhepunkte der Renaissance-Zeichenkunst mit seiner stark verkrüppelten Hand kennen die meisten. Von den 41 im MMK zu sehenden aktuellen Künstlern kennt man hingegen maximal drei.

          Oft ist schon eine Treppe ein unüberwindbares Hindernis

          Eine davon ist Judith Hopf. Ihre raumhoch als „Bambus“-Staude aufgestapelten Gläser ebenso wie die auf allen Stockwerken allgegenwärtigen Ruhebänke der Rollstuhlfahrerin Shannon Finnegan stehen erkennbar für Gebrechlichkeit: Auf den Weiß auf Blau beschriebenen Bänken darf der ermattete Museumsbesucher Platz nehmen. Erst recht macht Constantina Zavitsanos mit an die Wand installierten metallenen Badewanneneinstiegs- oder Aufstiegshilfen vom Erdgeschoss bis zum Ende der Treppe deutlich, was schon das Erklimmen eines einzigen Stockwerks an übermenschlichen Strapazen erfordern kann. Hopf ist offensiver als Finnegan und Zavitsanos: Die Professorin für freie Bildende Kunst an der Frankfurter Städelschule, physisch und im Bedeutungsmaßstab für Bildinnovationen so groß wie Adolph Menzel, führt in ihrem Video „Hospital Bone Dance“ mit abschließendem Beinahe-Totentanz mumienhaft Bandagierter einen surreal-stalinistischen Krankenhausalltag vor, den man lieber nicht am eigenen Leib erfahren möchte.

          Die an progressiver Muskelatrophie leidende Michelle Miles münzt in „Hand Model“ von 2018 ihre üblen Erfahrungen der Ablehnung in ein formstarkes Bild um: Bei der Bewerbung um den Job als Hand-Model mit dem vernichtenden Satz „We can’t use you“ abgelehnt, fotografiert sie ihre eine Orange haltende Hand manieriert abgewinkelt wie auf einem Bild Botticellis. Goltzius jedenfalls hätte sie vom Fleck weg engagiert. Christine Sun Kims wütende diagrammhafte Zeichnungen des Ausschlusses in „Degrees of Deaf Rage“ dagegen, die Milgrams Sozialexperiment „Six degrees of separation“ ins Negative wenden, lassen gleichermaßen schmunzeln wie frösteln.

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