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Elina Brotherus in Frankfurt : Lass den Hut ruhig auf

Gesichter seien so dominant, dass man sie besser wegließe, sagte John Baldessari. Elina Brotherus nahm es sich zu Herzen. - Portrait Series (Gelbe Musik with Sunflowers), 2016. Bild: Elina Brotherus / Fotografie Forum Frankfurt

Die Fotokünstlerin Elina Brotherus arbeitet sich mit ihren Inszenierungen durch ihr Leben und durch die Kunstgeschichte. Eine Ausstellung in Frankfurt.

          5 Min.

          Auf Instagram wird der Hashtag „Selfstaging“ sehr großzügig interpretiert und nicht zuletzt von Frauen benutzt, die für eine hundertfünfundzwanzigstel Sekunde so freundlich in die Kamera schauen, wie es gemeinhin üblich ist, wenn man fotografiert wird. Gut möglich, dass sie ihr Lächeln bereits als Inszenierung begreifen. Mit wie viel mehr Ernst der Begriff in der Kunst behaftet ist und wie viel mehr Einsatz dort gebracht wird, belegt seit mehr als einem halben Jahrhundert, was vereinfacht feministische Fotografie genannt wird.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Als Modell, Kamerafrau und Regisseurin in Personalunion reagierten Künstlerinnen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit beklemmenden visuellen Metaphern auf ihre von außen festgelegte Rolle und ihre Suche nach Wegen der Selbstbefreiung, die sie mitunter bis an die Grenze der Selbstzerstörung führten. In beklemmenden Inszenierungen verschnürten, verpackten oder verdrehten sie ihre Körper als Antwort auf das Diktat des Schönheitsideals in einer von Männern dominierten Welt. Vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren nahmen die Rebellion gegen die vom Schubladendenken bestimmten Erwartungen und der Kampf für Gleichberechtigung Fahrt auf.

          Die Zerfleischung des eigenen nackten Leibes war dabei zugleich die brutalstmögliche Attacke auf den Kunstbetrieb, den Ende der Achtzigerjahre die Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls mit einer erschütternden Statistik verurteilten. Demnach waren in der Abteilung moderner Kunst des Metropolitan Museums of Art in New York weniger als drei Prozent der ausstellenden Künstler Frauen, aber dreiundachtzig Prozent der Akte weiblich. Was sie zu der provokanten Frage führte, ob Frauen nackt sein müssen, um in dieses Museum zu kommen. Die Negierung von Erotik wurde zur Waffe der Frauen. Stattdessen war es ihnen um Sexualität und Geschlechtlichkeit zu tun. „Playing it safe“, lautete einer von Jenny Holzers „Truisms“, „can do a lot of damage.“

          Die Musterschülerin von Helsinki

          „Selfstaging“ spielt heute wieder eine große Rolle in der Fotografie, und es mag ebenso praktische wie emotionale Gründe haben, dass es vor allem Frauen sind, die zugleich vor und mit der Kamera agieren, um nach Ausdrucksweisen für ihre Befindlichkeiten zu suchen. Zu den bekanntesten unter ihnen zählt die Absolventin der legendären „Helsinki School“ Elina Brotherus, der das Fotografie Forum Frankfurt nun ihre bisher größte Einzelausstellung in Deutschland widmet. Mit Arbeiten aus einem Vierteljahrhundert steckt die Bilderschau das breite Spektrum eines insgesamt streng zweigeteilten Werks ab, dessen abrupter Wechsel für den Betrachter der Aufnahmen allerdings nicht zu erkennen ist. Denn über ihre gesamte Karriere hinweg fotografiert Elina Bro­therus vor allem sich selbst. Doch während es sich anfangs um klar autobiographisch begründete Selbstporträts handelte, beschloss sie 2004, sich nur noch als Modell für ihre und andere künstlerische Ideen zu betrachten. Während sie also hier in intimen Selbstbefragungen Einblicke in ihren Gefühlshaushalt zulässt, schlüpft sie dort in fremde Rollen und beruft sich auf Ideen der Kunst und der Kunstgeschichte.

          Caspar David Friedrich war hier: Elina Brotherus sucht in der Einsamkeit kollegiale Gesellschaft. - Der Wanderer 2, 2004.
          Caspar David Friedrich war hier: Elina Brotherus sucht in der Einsamkeit kollegiale Gesellschaft. - Der Wanderer 2, 2004. : Bild: Elina Brotherus / Fotografie Forum Frankfurt

          In einem Bild allerdings finden die Ansätze zusammen: im Motiv „Disobedience“, einem Doppelporträt, für das sie gemeinsam mit der österreichischen Aktionskünstlerin Valie Export im Studio posiert und deren Arbeit „Stand Up, Sit Down“ paraphrasiert. Denn auch wenn sich die Aufnahme nahtlos in Elina Bro­therus’ aktuelle Performance-Serie mit Anleitungen aus der Welt von Fluxus und Dada einreiht, von Yoko Ono etwa und Nam June Paik oder zu den „One Minute Sculptures“, die sie mit Erwin Wurm aufführt, kommt man nicht umhin, im Bild mit Valie Export ein Moment von Verehrung gegenüber einer Künstlerin zu spüren, deren Werk eine maßgebliche Rolle im Kampf der Frauen für deren gleichberechtigte Position in der Gesellschaft wie in der Kunst spielt. Es sind nicht zuletzt die Schultern dieser Riesin, auf denen Elina Brotherus steht.

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