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Zum Tod von Anna Blume : Der Suppenteller als Heiligenschein

Trautes Heim, Glück und Schreien: Anna Blume steht Kopf für ihre Inszenierung in einer Küche außer Rand und Band. Bild: Picture-Alliance

„Küchenkoller“ und „Vasen-Ekstasen“: Während Sittsamkeit und Ordnung den Menschen die Freiheit rauben, feiern die Hilfsmittel des Haushalts ungezügelt Orgien: Auf den Bildtableaus von Anna Blume wurden Objekte zu Subjekten. Nachruf auf eine Ausnahmefotografin.

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          Ein größeres Chaos war nie. Und lustiger war auch selten etwas in der Geschichte der Fotografie als die  Tableaus von Anna und Bernhard  Blume. Teller, Vasen und Küchenschränke  wirbeln durch die Luft, am Boden liegen Splitter, Scherben und zerborstene Stühle – und im Zentrum gleitet eine Frau im geblümten Kleid wie schwerelos durchs Tohuwabohu.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Ist das noch Dada oder schon Dekonstruktivismus? Nein, würde Anna Blume gesagt haben, Regisseurin, Fotografin und Hauptperson in Personalunion, zugleich aber eben nur die Hälfte des verrücktesten Künstlerduos das Deutschland je kannte, nein also, würde sie gesagt haben, hier handelt es sich ein wenig um Religion – und sehr viel um Psychologie. Küchenpsychologie, möchte man kichernd den Begriff erweitern, wenn die „bisher brav zuhandenen Objekte“, wie Anna Blume sie nennt,  Subjektcharakter annehmen und in ihrer wilden Bewegung vorführen, was der auf „Sittsamkeit und Ordnung abgerichteten“ Person nicht mehr möglich ist. Kurz: Die toten Dinge lassen es inmitten kleinbürgerlicher Lebenswelten an ihrer Stelle krachen, Kanne und Tasse „kopulieren“, bevor sie zu Boden stürzen, und weiter: „Was der bewusste Wille nie geduldet hätte, das schafft die unbewusste Frustration.“ Deshalb Anna Blumes meist weit aufgerissenen Augen. Und es kommt schlimmer: Denn der Schreck lässt nicht nach, wenn „das ausgeflippte Unbewusste“ die Hausfrau  „aus der Einzelheit ins Allgemeine“ reißt, bis sie einen Moment lang zur „Heiligen“ wird, gar zur „Muttergottheit“ – Erläuterungen, die Anna Blume bei ihren Auftritten gänzlich anteilnahmlos vom Blatt abgelesen hat. Aber eben dann hat  auch der letzte Besucher im fliegenden, weißen Teller hinter dem Kopf der kopfüber  stürzenden Anna den Heiligenschein erkannt.

          Raumfüllend arrangierten  Anna und Bernhard Blume ihre metergroßen Schwarzweißabzüge an Museumswänden zu Bildromanen einer außer Rand und Band geratenen Welt, in der sich die Dinge „sozusagen psychisch ferngelenkt“ in Bewegung setzen. Dem Betrachter zogen sie damit gleichsam den Boden unter den Füßen fort. Auch er begann zu Taumeln. Und mag sich wie eine Kanne im Sturzflug gefühlt haben. Bernhard Blume nannte das „magischen Determinismus“.

          Das Überich schwebt über dem Iche

          Dass Objekte ein Eigenleben führen, darauf berufen sich seit jeher alle Stillleben. Doch selten wurde das so wörtlich genommen, wie im Werk der Blumes. Mit „Vasen-Ekstasen“ oder „Küchenkoller“ persiflierte das Ehepaar ebenso die Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, die mit  nüchterner Präzision die Magie der Dingwelt aufzuspüren suchte, wie die Kunstfotografie der siebziger und achtziger Jahren, die sich mit immer neuen, schrägen Perspektiven von tradierten Sehweisen befreien wollte. Zugleich nahmen die beiden den Kunsttheoretikern die Arbeit ab, indem sie  für ihr aktionistisches Ausflippen die eigenen Interpretationen  gleich mitlieferten. Es sei „das Überich über dem Iche“, deutete dann Frau Blume das Bild der schwebenden Hausfrau. Buchstäblich sei sie „ins Höhe“ geschleudert, nicht jedoch in die Freiheit. Denn  „die irdische Gewalt der Triebe malte sich noch als abstraktes Kleidermuster auf dem Körper ab“.

          Anna und Bernhard Blume hatten sich Anfang der sechziger Jahre an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf kennen gelernt und bis zu  Bernhard Blumes Tod im Jahr 2011gemeinsam als Künstlerpaar gearbeitet. Am 18. Juni ist  Anna Blume im Alter im Alter von 83 Jahren gestorben.

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