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Zum Tod von Irina Antonowa : Eiserne Lady mit polyglottem Charme

Irina Antonowa ist im Alter von achtundneunzig Jahren in Moskau gestorben. Bild: action press

Irina Antonowa prägte mehr als ein halbes Jahrhundert russischer Kultur. Nach ihrem Tod bleibt sie als hartnäckige Pionierin in Erinnerung.

          3 Min.

          Eigentlich meinte man, sie wäre unsterblich. Irina Antonowa, die große Dame der sowjetrussischen Kunstwissenschaft, leitete das Moskauer Puschkin-Museum mehr als ein halbes Jahrhundert lang, von 1961 bis 2013, und war seither die Ehrenpräsidentin des Hauses, das unter ihrem Direktorat von einer in vielem didaktischen Kunstsammlung mit Gipsabgüssen klassischer Antiken zu einem strategischen Akteur im internationalen Museumsbetrieb aufgestiegen war.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Frühere Museumsmitarbeiter schilderten die panische Furcht, welche die eiserne Lady mit ihrem „totalitären“ Führungsstil verbreitete. Westlichen und vor allem deutschen Kollegen bleibt die Hartnäckigkeit in Erinnerung, mit der sie das Vorhandensein von im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland verschleppten Kulturgütern abstritt, von denen sie viele doch persönlich in Empfang genommen hatte. Viele – nicht selten die gleichen Personen – waren zugleich zutiefst charmiert von der ebenso musikalisch und literarisch hochgebildeten Expertin für die italienische Renaissance, die auch ein elegantes Deutsch und Französisch sprach.

          Die 1922 geborene Irina Antonowa hatte als Diplomatenkind einige Jahre in Deutschland verbracht, bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten. Im Krieg arbeitete die Studentin als Krankenschwester in Moskauer Militärlazaretten und trat nach Kriegsende ins Puschkin-Museum ein. Dort wurde die Begegnung mit den aus Dresden eintreffenden Kunstgütern, insbesondere Raffaels Sixtinischer Madonna, für sie zur Erschütterung. Von dem Bild sei ein ungeheures Licht ausgegangen, erinnerte sich Irina Alexandrowna, die ihre Verwandten väterlicherseits in der Leningrader Blockade verloren hat. Angesichts der Zerstörungen des Krieges habe es buchstäblich wie das heilige Bild einer Mutter gewirkt, die ihr einziges Kind als Opfer darbietet.

          „Zweimal gerettet“

          Die Sixtina gehört zu den etwa anderthalb Millionen Kunstobjekten, die die Sowjetunion in den fünfziger und sechziger Jahren den Museen in der DDR zurückgab. Viele dieser Dinge seien von ihren Landesleuten zweimal gerettet worden, zunächst von russischen Soldaten und dann, weil sie oft beschädigt waren, von russischen Restauratoren, sagte Irina Antonowa. Umso mehr zeigte sie sich darüber verstimmt, dass etwa in Dresden auf diese Leistungen nicht hingewiesen werde. 1995 trug die erste Ausstellung in ihrem Haus mit aus Deutschland erbeuteten Bildern denn auch den programmatisch gemeinten Titel „Zweimal gerettet“.

          Irina Antonowa hat versichert, sie sei nicht traurig über die damalige Rückgabe. Doch sie fand es wichtig, dass wichtige Trophäenbestände im Land verblieben – als Mahnung, dass ein Land, das ein anderes überfällt und ihm neben menschlichen ungeheure Kulturgüterverluste zufügt, mit den eigenen Kunstschätzen dafür haften muss. Sie war maßgeblich an der Ausarbeitung des Gesetzes beteiligt, mit dem Russland 1998 die Kunstkonfiskationen der sowjetischen Trophäenbrigaden für rechtmäßig und die „kriegsbedingt verlagerten“ Kulturschätze zum russischen Staatsbesitz erklärte.

          Doch bis in die neunziger Jahre hielt sie an der Legende fest, die – von der Staatsmacht jahrzehntelang in „Sonderdepots“ weggesperrten – Beutekunstbestände gäbe es nicht. Sie tat das in einer Zeit, als der Direktor der Petersburger Eremitage, Michail Piotrowski, die in seinem Haus lagernden Beutebestände souverän der Öffentlichkeit präsentierte. Bis zuletzt behauptete Antonowa, sie habe nicht gewusst, woher die nach 1945 im Puschkin-Museum eingetroffenen Trophäen-Kisten stammten. Immerhin sind seit 1996 die wichtigsten Beutekunstbestände – Schliemanns Gold aus Troja, Berliner Antiken, Gemälde von Cranach, Goya, Daumier – in die ständige Ausstellung integriert.

          Pionierin in der Breschnew-Zeit

          Doch in der Breschnew-Zeit war Irina Antonowa eine Pionierin gewesen. 1981 macht sie mit der Schau „Moskau Paris“ Furore, mit Werken von Marc Chagall, den sie persönlich kannte, und Wassili Kandinsky, nachdem die Tretjakow-Galerie davor zurückgeschreckt war. Im selben Jahr begründete sie mit dem Pianisten Swjatoslaw Richter, mit dem sie befreundet war, das Musik- und Kunstfestival „Dezemberabende“, das infolge der Corona-Krise in diesem Jahr erstmals abgesagt werden musste.

          Irina Antonowa führte ein Leben für die Kunst. In den Siebzigern brachte sie Leonardos „Gioconda“ nach Moskau. Sie war stolz auf die Werke von Pablo Picasso und Henri Matisse aus den Moskauer Sammlungen der Kaufleute Sergej Schtschukin und Iwan Alexander Morosow in ihrem Haus und träumte davon, die der Petersburger Eremitage davon zugeschlagenen Bestände wieder zurückzugewinnen. Zeitgenössische Richtungen, ob Performances, Medien- oder Biennalekunst, waren für sie einfach etwas anderes, wovon nach ihrer Überzeugung nichts bleiben würde. Jetzt ist Irina Antonowa im Alter von achtundneunzig Jahren in Moskau gestorben.

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