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Dresdner Gemäldegalerie : Es werde licht!

Gute Nachbarschaft

Der dadurch am radikalsten veränderte Saal folgt gleich nach dem Aufstieg durchs repräsentative Treppenhaus zum ersten Geschoss, das Semper nach dem Vorbild der Scala Regia im Vatikan gestaltet hat. Zwar geht es links zur Tribuna, doch mit der Neukonzeption wird der Blick jetzt geradeaus in eine lange Galerie längs des Zwinger-Innenhofs gelenkt, deren Fenster auch weitgehend unverhängt sind, weil Koja hier eine ganze Suite an Bildhauerwerken untergebracht hat, die alle unmittelbaren Bezug zu den benachbarten Gemälden haben. Am erhellendsten ist das bei Andrea del Sartos „Opfer Abrahams“, neben dem eine kleine barocke Bronzereplik der Laokoongruppe steht, weil Del Sarto sich für sein um 1530 gemaltes Bild bei der Darstellung des Isaaks von einem der schlangenumwundenen Knaben der antiken Skulptur anregen ließ. So wird Kunstgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes augenfällig. Doch noch schöner: Rechts vom Gemälde steht die nun dem Sieneser Künstler Francesco di Giorgio Martini zugeschriebene Bronzeplastik eines nackten Mannes mit Schlange am Arm, die man traditionell als Äskulap identifiziert hatte. Es könnte sich aber auch um eine Laokoon-Darstellung handeln, denn als die Statue um 1495 gegossen wurde, war das heute so berühmte und unser aller Vorstellungen vom trojanischen Priester prägende antike Marmorstandbild noch elf Jahre nicht ausgegraben. Wer die neue Sempergalerie mit wachem Geist durchstreift, wird immer wieder solche kunsthistorischen Deutungsangebote durch Nachbarschaft finden.

Ein Blick in die Galerieräume.
Ein Blick in die Galerieräume. : Bild: H.C.Krass

Man sehe sich etwa das Köpfchen eines Knaben an, das der niederländische Bildhauer Hendrik de Keyser um 1600 gemeißelt hat. Es steht direkt vor Rembrandts „Ganymed“, einer weiteren Ikone des Museums, die nunmehr durch ihre Plazierung am alten Platz der Sixtina zu deren Gegenstück über 120 Meter Entfernung geworden ist – konsequent angesichts der Schicksale der beiden dargestellten Jungen, was den Jesusknaben bei Raffael so skeptisch blicken und Rembrandts Ganymed in den Klauen von Adler Zeus weinen lässt. Aber die Züge Ganymeds entsprechen bis in die Tränen genau Keysers etwa dreißig Jahre älterem Marmorköpfchen. Es war nicht nur die Antike, die Maler anregen konnte.

Die niederländische Abteilung ist vor grüner Wandbespannung gehängt, die italienische vor roter. So weit, so klassisch. Ungewöhnlicher ist das strahlende Nachtblau für die Abteilungen mit spanischer und französischer Malerei in den Kabinetten zum Theaterplatz hin, die dank ausgeklügelter Fenstertechnik viel Tageslicht erhält. Das Rot der Kardinäle in Zurbaráns „Gebet des heiligen Bonaventura“ wird dadurch geradezu überweltlich. Nur bei der langen Galerie des zweiten Obergeschosses, wo der größte Teil der für Dresden so wichtigen Veduten von Bernardo Bellotto hängt, wird noch intern gestritten, ob die gewählte graue Wandbespannung nicht noch durch eine rote abgelöst werden soll. Bis zur morgigen Eröffnung wird wohl keine endgültige Entscheidung gefallen sein, aber ansonsten ist das Konzept der neuen Sempergalerie so entschieden wie nur denkbar: Platz nicht nur dem großen Raffael, sondern auch dem guten Geist der Kunstgeschichte.

Zur Eröffnung erscheinen vier Bücher im Sandstein Verlag: jeweils ein Museumsführer zu den ausgestellten Gemälden und Skulpturen (12,95 Euro), der Band „Restaurierte Meisterwerke“ (19,80 Euro) und ein neuer Katalog der Skulpturensammlung: „Meisterwerke der Renaissance und des Barock“ (29,80 Euro).

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