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Ausstellung zum Meer : Da grinst der Totenschädel über dem Fangboot

Ein Nebeneinander von Ekstase und drohendem Untergang: Das LA8 in Baden-Baden widmet sich den Darstellungen des Meers im neunzehnten Jahrhundert.

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          Die letzte Fahrt der „Lady Burgess“ endete am 20. April 1806 vor der kapverdischen Insel Boavista. Als der Ostindienfahrer um zwei Uhr morgens gegen ein Riff prallte, herrschte dichter Nebel. Das Schiff hatte Eisen geladen, bestimmt für Madras und Bengalen, es waren aber auch Passagiere an Bord. Weil die „Lady Burgess“ in einem Konvoi mit sieben anderen Schiffen fuhr, konnten 143 der insgesamt 184 Havarierten gerettet werden.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Manches von dem, das damals mit dem Schiff verloren ging, ist nun Teil einer von Philipp Kuhn kuratierten Ausstellung im Museum LA8 in Baden-Baden. In einer Vitrine werden Funde aus dem Wrack gezeigt, durch Tauchgänge um die Jahrtausendwende wieder hochgeholt: Münzen, Gläser, Löffel, Flaschen, Öllampen, Tintenfässchen aus Zinn, ein Teleskop, Münzen und dergleichen mehr. Weitere Vitrinen enthalten Funde aus anderen Schiffswracks, dazu nautische Gegenstände, die eine solche Havarie gerade verhindern sollten, wie die zierlichen Signalkanonen. Irritierend wirkt das alles, weil es der Vorstellung widerspricht, ein Schiffsuntergang sei ein Ereignis, das eine klare Richtung habe: Etwas geht unter und wird nicht mehr gesehen. Hier erscheint es durch die Präsentation eher wie ein Geben und Nehmen, zumal das Unglück selbst durch eine Reihe von bildlichen und archivalischen Darstellungen nie aus dem Blick gerät.

          Seebären und Landratten 

          Das Museum mit seiner eher überschaubaren Fläche auf zwei Etagen hat in den vergangenen Jahren immer wieder originell und klug gestaltete kulturhistorische Ausstellungen präsentiert, die vom Wechselspiel zwischen Bildern und Drucken einerseits und von oft wuchtig in den Raum gerückten dreidimensionalen Exponaten andererseits lebten. In „Schön und gefährlich“, gewidmet laut Untertitel der „hohen See im neunzehnten Jahrhundert“, nimmt diese Rolle das Skelett eines Entenwals ein, das den Besucher im Untergeschoss empfängt, was von Anfang an auf eine schöne Pointe der Ausstellung einstimmt: Egal was hier gezeigt wird, an die unfassbaren Dimensionen des Gegenstands reicht es nicht heran, so wenig wie der mit sechs bis acht Metern Länge eher kleine Entenwal an einen Pott- oder gar Blauwal. Aber es dient dazu, unsere Projektionen auf das Meer aus verschiedenen Perspektiven zu skizzieren: der Ozean als Quelle von Wohlstand und zugleich der schrecklichsten Katastrophen, als Imaginationsraum, dem zauberhafte Wesen und zerstörerische Monster entstammen, und schließlich ein Ort, dem wir übergeben, was für uns keinen Nutzen mehr hat und dann mitunter verwandelt zu uns zurückkommt.

          Im Untergeschoss, das mit Leihgaben aus Rostock und Stralsund reich bestückt ist, beginnt das mit dem Walfang als solchem und mit Blick auf den Ertrag, der sich daraus ziehen ließ. Vom Rasierpinsel über Korsettstangen, Dominosteine bis zu Visitenkartenschachteln zeigen Vitrinen Alltagsgegenstände, die ganz oder zum Teil aus Walbein hergestellt worden sind. Eine Besonderheit sind dabei Exponate aus dem Bereich der Walzahnmalerei, die hier in verblüffender Fülle ausgestellt sind: Pottwalzähne mit äußerst filigranen Ritzungen, die eingeschwärzt werden und so ein zum Untergrund passendes Bildprogramm ermöglichen. Dargestellt wird, was Seebären und Landratten in Häfen offenbar als Souvenir schätzten, also vor allem Schiffe und Wale, wartende Frauen an Land und erotische Skizzen. Einmal aber erwächst ein solcher Walzahn zum Epitaph – da grinst ein Totenschädel über einem Fangboot, und eine Aufschrift verrät, dass ein bestimmter Seemann 1881 von einem Wal getötet worden sei, in rechtmäßiger Umkehr der Verhältnisse von Jäger und Beute. Es ist nicht der letzte Perspektivenwechsel in dieser Ausstellung.

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