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„Mixed Realities“ im Museum : Wirklichkeit ist auch nur eine Illusion

Ist virtuelle Realität eigentlich etwas Neues? Ist sie nicht, die Kunst schafft sie schon seit Jahrtausenden. Daran erinnert die Ausstellung „Mixed Realities“ im Kunstmuseum Stuttgart auf gewitzte Weise.

          4 Min.

          Virtuelle Realität, das klingt so furchtbar modern und futuristisch, als hätte erst das Digitalzeitalter es vermocht, Simuliertes und Wirkliches zu einem Oxymoron zu verschweißen, in dem die Grenze zwischen Wahrem und Vorgestelltem aufgehoben scheint. Dabei hat schon Antonin Artaud über „réalité virtuelle“ geschrieben – und damit das Theater gemeint. Das war 1938. Man könnte weiter zurückgehen, ganz weit sogar, und fragen: Haben die Steinzeitmaler von Lascaux ihre Höhle nicht gleichfalls in einen Ort virtueller Realität verwandelt, immersiv und interaktiv durch den wechselnden Schein von Fackeln erschlossen?

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Zahl historischer Vorläufer für das, was wir heute Virtuelle Realität (VR) nennen und mit „Head Mounted Displays“ verbinden, mit stereoskopischen Bildschirmbrillen, die sich Ausflügler in computergenerierte Kunstwelten vor die Augen schnallen, sind Legion: Stereofotografie und Anaglyphenbilder, die beim Blick durch spezielle Apparate oder Farbbrillen räumliches Sehen vortäuschen; Trompe-l’Œil-Malerei, die Kuppeln in den Raum zaubert: Dioramen, Panoramen, 3D-Kinos; Bilder nach Vasaris Prinzipien der Zentralperspektive, die scheinbar Fenster in eine andere Welt öffnen, in der sich – hyperdetaillierte Ölmalerei machte es möglich – die Madonna mit Heiligen parlierend wie zum Greifen nah präsentiert.

          Die Avantgarden der klassischen Moderne sagten lieber: Ein Bild ist ein Bild, ist ein Bild, ist ein Bild, keine Illusion. Vielleicht rührt auch daher ein Teil der Faszination für den neuen Illusionismus, der digital aufgerüstet Karriere macht, im 360-Grad-Videojournalismus und -Film, bei Computerspielen und medizinischen OP-Simulationen – und in der Kunst. Museen entdecken die neuen Genres. Vor einem Jahr widmete sich das Haus der Elektronischen Künste in Basel VR-Arbeiten, Schauen im NRW-Forum Düsseldorf und im Zeppelinmuseum Friedrichshafen folgten. Nun zieht das Kunstmuseum Stuttgart nach und nimmt in der von Eva-Marina Froitzheim und Merle Radtke kuratierten Ausstellung einen klug gewählten Blickwinkel ein: Nicht um Virtuelle Realität im engeren Sinne geht es, also geschlossene Bilderwelten im Inneren der Datenbrillen, sondern um das, was tatsächlich unsere Gegenwart bestimmt: „Mixed Realities“ – die innige Verschränkung digitaler und nicht digitaler Simulationen mit der physisch greifbaren Dingwelt.

          Die Betrachterin mittendrin: HD/VR Sculpture von Spiros Hadjidjanos.
          Die Betrachterin mittendrin: HD/VR Sculpture von Spiros Hadjidjanos. : Bild: Kunstmuseum Stuttgart

          Dass daraus künstlerisch Funken zu schlagen kein Privileg der Jüngeren ist, weil das Spiel mit Schein und Sein ein altes ist, zeigt die Ausstellung gleich zu Beginn. Sie eröffnet mit Werken der 1939 geborenen Regina Silveira. Die Brasilianerin stellt die Realitätsfrage anhand verzerrter Schattenrisse aus schwarzer Folie. Lang ausgestreckt und über Eck kleben sie in Arbeiten aus den neunziger Jahren auf Böden und Wänden: Schatten von Objekten, die nicht da sind und in sich Surrealitäten darstellen – wie Meret Oppenheims „Pelztasse“ und Marcel Duchamps „Geschenk“, sein berühmtes, mit Stacheln bewehrtes Bügeleisen. Eine Reiterstatuette wirft den Schatten eines überlebensgroßen Denkmals, eine Glühbirne verbreitet Dunkelheit.

          Regina Silveira inszeniert mediale Fake News, die an Platons Höhlengleichnis denken lassen, den deformierten Schädel in Hans Holbeins „Die Gesandten“ oder biedermeierliche Scherenschnitte. In seiner analogen Klarheit ist das eindrucksvoller als die interaktive VR-Arbeit „Odyssey“ der Künstlerin aus dem Jahr 2016, in der man sich mit VR-Brille auf dem Kopf und Steuerelement in der Hand durch ein virtuelles Raster auf Bällejagd begibt, bis einem schlecht wird und man in einem nichtssagenden Wolkenhimmel landet. Wer Zukunftsweisendes sucht, findet es mit älteren Fotoarbeiten Silveiras, auf denen Hände sich Richtung Schalter und Steckdose recken. Die Hand nämlich erweist sich als Leitmotiv der Ausstellung, die sich über drei Ebenen im Museum erstreckt. Die Hand, die nicht mehr zeichnet oder schreibt, sondern mit ihren Klick-, Tipp-, Wisch- und Spreizgesten auf digitalen Interfaces mächtiger geworden ist als je zuvor.

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