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„Mindbombs" in Mannheim : Kopfzeitbomben

Auf dass der Terror den Terror schrecke: Die Kunsthalle Mannheim sondiert das Minenfeld der Darstellung von Akten der Gewalt.

          4 Min.

          Des Schriftstellers Wolf Wondratscheks unsterblicher Eingangssatz „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ könnte auf das monumentale Hauptwerk in der Kunsthalle Mannheim gemünzt sein. Zeigt doch Édouard Manets „Die Erschießung Kaiser Maximilians“ die vor einer grauen Hofmauer vollzogene Hinrichtung des unglücklichen Kurzzeit-Kaisers von Mexiko. Reproduktionen von Manets Darstellung der brutalen Exekution immerhin eines Imperators und seiner Generäle gingen damals um die Welt und erzeugten Wellen der Empörung. Die antikoloniale Bewegung in Lateinamerika erhielt damit nach Simón Bolívar weiteren Treibstoff. Gut achtzig Jahre später kopiert Picasso das Bild mit der sich beinahe in die Leiber hineinbohrenden Gewehrphalanx für sein Gemälde des Koreakriegs, erst vor wenigen Jahren war Manets füsilierter Maximilian noch Thema von Habilitationsvorträgen an Universitäten. Es ist aber auch das Eingangsbild einer Schau, die ihren Besuchern viel abverlangt: „Mindbombs“.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Kaum eines der zu sehenden Bilder und vor allem der Horror-Installationen wird sich spurlos oder gar schnell von der Retina waschen lassen. Es liest sich schlicht zu harmlos, wenn die Kunsthalle schreibt, es würden „Phänomene des Extremismus und Terrorismus aus Perspektive der zeitgenössischen Kunst beleuchtet“. Im Grunde müssten Warntafeln für Erwachsene vor Betreten der Schau aufgestellt werden. Stattdessen steht am Ende ein Abstimmungscomputer, der Zustimmung oder Ablehnung zur Schau festhält.

          Wie essenziell die Befragung von „Terrorbildern“ oder der asymmetrischen Erklärung zum Terroristen ist, lehrt der tägliche Blick in Zeitung oder Tagesschau. Weil durch die Instagramisierung der Welt alles zum Bild wurde und Bilder Emotionen oder gar Reaktionen bis hin zu Kriegen hervorzwingen können (Iraks angeblich im Bild dokumentierte „Atomanlagen“, Afghanistans Terrorzellen), sprengen Terroristen bildgewaltig Zwillingstürme in die Luft und enthaupten Menschen vor laufender Kamera. Der globalisierte Terror hat sich längst als fester Produzent von Nachrichtenbildern etabliert, was einen Teufelskreis für Bildmedien wie Fernsehen und Internet bedeutet – in letzter Konsequenz aber auch für die Künstler, denn auch sie laufen Gefahr, in der Reproduktion von Terrorbildern diese zu verstärken. Darauf verweisen in Mannheim unmittelbar eingängig die von Francis Alÿs selbst gebauten und vor die „Erschießung Kaiser Maximilians“ postierten Maschinengewehre, auf die anstelle des gewohnten runden Trommelmagazins Filmrollen montiert sind, um in einem ersten Schritt auf die spätestens seit der nach seinem Erfinder getauften und so personalisierten „Awtomat Kalaschnikowa“ (vulgo AK-47) vollzogenen Ikonisierung von Tötungsmaschinen hinzuweisen, die sich selbst in Staatswappen wie jenem von Mosambik, Simbabwe oder Ost-Timur als stilisierte Silhouette findet. Indem Alÿs seine Bildpistolen „Camguns“ nennt, steckt darin nicht nur das englische Kurzwort für Kamera, sondern zugleich auch die Pornographisierung dieser Tötungsbilder, die perverserweise nicht wenige Betrachter erregen.

          Innerhalb solcher Bild-Kritik an visueller Gewaltdarstellung hat Almut Linde als gleichsam moralisch kontaminierte Minimal Art à la Donald Judd ihr „Bullet Actionpainting“ aufgebaut, bei der zentimeterdicke Aluminiumplatten vom neuesten Schrei der Munitionstechnik expressiv und ungeheuerlich dekorativ zerfetzt werden.

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