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Archiv und Gedächtnis : Das Vergangene ist nicht einmal vergangen

„Beweismittel“: Montage des Künstlers Eduardo Molinari auf der Grundlage des Reiterstandbilds des Generals Julia Argentino Roca Bild: Eduardo Molinari / Archivo Caminante

Künstler erschaffen ihre eigene Welt: Eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste über Archiv, Erinnerung und historisches Gedächtnis.

          4 Min.

          Acht Monate vor seiner Wahl zum amerikanischen Präsidenten, im Frühjahr 2008, zitierte Barack Obama in einer vielkommentierten Rede über die Rassenbeziehungen in seinem Land zwei Sätze William Faulkners: „The past isn’t dead and buried“, sagte er. „In fact, it isn’t even past.“ Obamas Redenschreiber hatten allerdings nicht genau recherchiert. Das Zitat aus „Requiem für eine Nonne“ (1951) lautet knapper und härter: „The past is never dead. It’s not even past.“ Faulkner, der Schöpfer einer „mythisch“ genannten Literaturlandschaft im Bundesstaat Mississippi, fand damit eine Formel für das Fortbestehen historischer Erinnerung (und rassistischer Ressentiments) im alten Süden.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen: Auch die Berliner Akademie der Künste zitiert die berühmten Sätze korrekt, aber ohne Zuschreibung in ihrer Ausstellung „Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives“, und sie tut es im Zusammenhang mit Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“ (1976), der ebenso der Beschreibungsversuch einer Kindheit wie auch ein Reflex auf das Problem der Suche selbst ist. Die Vergangenheit spricht nicht aus sich, sie spricht nicht klar, und schon gar nicht liefert sie Eindeutigkeit; sie muss befragt, gewogen, durchlöchert werden. Wolfs Notizen, die sich im Depot der Akademie befinden, gehören zu den vielen Zeugnissen von Künstlern, Schriftstellern und Komponisten, die den Themenkomplex Gedächtnis, Erinnerung und Archiv in staunenswerter Fülle ausbreiten.

          Hier erhält auch Obamas ungenaues Faulkner-Zitat wieder seinen Sinn. Denn nicht von ungefähr fügte der Kandidat den Sätzen des Nobelpreisträgers das Wort „buried“, begraben, hinzu. Rekonstruktion der Geschichte als „Grabung“, in der Archäologie eine Selbstverständlichkeit, ist ein Topos, dessen moderne Faszination auf Walter Benjamins Aufsatz „Ausgraben und Erinnern“ von 1932 zurückgeht. Patengleich stehen Benjamins Sätze zur Methode hinter der Berliner Ausstellung. Es sei nützlich, heißt es dort, beim Graben nach Plänen vorzugehen, doch ebenso unerlässlich sei „der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich“. Der Grabende selbst mit seinen Vermutungen und Irrtümern ist Teil der Unternehmung. Wahre Erinnerung müsse deshalb nicht nur jene Schichten betreffen, in denen die Fundobjekte lagen, „sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren“.

          Gedächtnis des Körpers, Archiv der Meere

          Sagen wir es klar: Das sind wir, hier und heute. Die Berliner Schau beschäftigt deshalb nahezu alle Sinne. Lässt man sich hineinziehen, bleibt man leicht drei Stunden. Eigens geschaffene Arbeiten von Alexander Kluge, Cemile Sahin, Ulrike Draesner und anderen führen vor, wie Erinnern und Bewahren in verschiedenen Köpfen funktioniert. Die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz etwa hat dazu 1001 Hüllen alter VHS-Filmkassetten in schwarzes Polypropylen eingeschweißt, so dass von den früheren Titeln nur noch ein einziges Wort stehenblieb – ein Digest eingesperrten Filmmaterials und zugleich ein Verweis auf Scheherazade und den Zwang des Weitererzählens. Eine Installation des Argentiniers Eduardo Molinari, ein paar Schritte weiter, geht den Spuren der indigenen Mapuche nach, die durch Genozid aus der Geschichte des Landes gelöscht wurden, während sich die Französin Cécile Wajsbrot mit dem Exil bei Imre Kertész beschäftigt und die deutsche Künstlerin Susann Maria Hempel über verseuchte Meere und verschluckte Plastikteile im Menschen nachdenkt: Auch der Mageninhalt ist eine Form des Archivs.

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