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Frühe Pressefotografien im DHM : Wichtigste Tugend Wagemut

Bilder von Baustellenbesuchen in schwindelnder Höhe und heimliche Aufnahmen der Kaiserabdankung aus dem Heuwagen heraus: Das Deutsche Historische Museum zeigt frühe Pressefotografie.

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          New Yorkerinnen bei einer Klettertour – so steht es unter einem Foto aus dem Jahr 1912, zu sehen sind wagemutige elegante Damen auf einem geländerlosen Stahlgerüst hoch über den Straßen von Manhattan. Statt Schutzhelm tragen sie raumgreifende Hüte, die Hand eines ebenfalls freistehenden Bauarbeiters hätte sie kaum halten können. Und der Fotograf?

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Vielleicht balancierte er wie Philipp Kester frei auf einem noch schmaleren Grat, einer Eisenstange in schwindelnder Höhe, die er nicht wahrzunehmen schien, mit seiner Plattenkamera. Kester war einer der ersten Auslandskorrespondenten, der die deutsche Presse mit atemberaubenden Fotozeugnissen vom supermodernen New York mit seinen Wolkenkratzern versorgte und so das Amerika-Bild veränderte, das bislang Cowboys und der Wilde Westen geprägt hatten. Um der Exklusivität willen verschwieg die „Berliner Illustrierte Zeitung“ (BIZ) damals die Namen seiner amerikanischen Mitautoren.

          Aufwendige Fotoreportagen waren damals ein völlig neues Genre, wie überhaupt die Pressefotografie gerade erst Fahrt aufnahm. An der Spitze die berühmte „BIZ“, die es, heute unvorstellbar, schließlich zu einer Auflage von zwei Millionen brachte, was die Nazis verdarben und der Krieg beendete. Ihre Exklusivität, überwältigende Bildserien, die immer kühneren Layouts, eine hochprofessionelle Bildredaktion und ein Konzept für alle Schichten waren wesentliche Gründe für diesen Erfolg in vordigitaler Zeit.

          Es begann mit einer technischen Revolution: In den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Autotypie erfunden, ein neues Druckverfahren, mit dem auch Fotografien auf Zeitungspapier gedruckt werden konnten, in Deutschland zum ersten Mal in Leipzig. Vorher waren Fotografien allenfalls Vorlagen für gezeichnete Illustrationen gewesen, nicht selten sehr frei interpretiert, was der Leser jedoch nie erfuhr. Das änderte sich rasend schnell, wobei zuerst die großen Verlagshäuser einstiegen, vorneweg der mächtige Berliner Ullstein Verlag. Er hatte sofort in eine eigene Bildätzerei und Rotationsdruckmaschinen investiert und bereits zur Jahrhundertwende ein Pressebildarchiv, das auch gezielt exklusive Serien sammelte, die es in Lizenz verkaufte. Die einzigartigen Originalabzüge und Glasnegative der Sammlung Ullstein überstanden, weil rechtzeitig ausgelagert, den Bombenkrieg, der das Pressearchiv weitgehend zerstört hat. Das Zeitalter der Bilder, in dem wir immer noch leben, hat dort seinen analogen Anfang genommen.

          Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt jetzt in einer großartigen, gemeinsam mit Ullstein Bild/Axel Springer Syndication realisierten Ausstellung das erste halbe Jahrhundert der Pressefotografie, also deren Pionierzeit. Zu sehen sind die ersten Paparazzi-Bilder, etwa von der Kaiserabdankung: Der Fotograf hatte sich in einem Heuwagen versteckt. Oder Friedrich Ebert und Gustav Noske ahnungslos in Badehosen in der Ostsee. Dieses Titelbild löste damals einen Sturm der Entrüstung aus, anders als die fidelen Tanzpaare in züchtiger Badekleidung im Strandbad Wannsee, die den programmatischen Unterhaltungswert und die Auflage der „BIZ“ noch steigerten. Immer neue Themen kamen hinzu, aus den Theatern, Filmstudios, Sportstadien, dazu Sensationen ohne Ende, aber auch alltägliche Straßenszenen und die Modefotografie, Sozialreportagen, aufwendige Reisereportagen aus aller Welt und natürlich die Politik.

          Bruch des Verlags im Jahr 1933

          Das Ullstein-Archiv, ohnehin ein unglaublicher Schatz, bewahrt nicht nur das Bildgedächtnis mehrerer historischer Epochen, ihrer Kriege und Katastrophen, sondern genauso Dokumente der Moderne und hier vor allem die faszinierenden, weitgehend unbekannten Bildzeugnisse der künstlerischen Avantgarde der Weimarer Republik. Der Bruch von 1933 an, als dieser wohl erfolgreichste Pressekonzern enteignet und als „Deutscher Verlag“ weitergeführt wurde, ist augenfällig. Die Genres bleiben die gleichen, jedoch ins Propagandabad getaucht. Jüdische Mitarbeiter – viele waren die Stars der Branche – gab es danach nicht mehr. Der legendäre Chefredakteur der „BIZ“, Kurt Korff, schaffte es noch ins amerikanische Exil, wo ihm sogar eine zweite große Karriere gelang. Die stilbildende Modefotografin Yva oder Erich Salomon, „König der Störenfriede“, der vor allem Politikern ziemlich nahe kam, wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Viele Fotografen passten sich an, freiwillig oder aus Furcht vor Repressionen. Bilder von Willkür oder Verfolgung gibt es kaum, vielmehr wird das Leben im Nazi-Staat raffiniert als neue erstrebenswerte Wirklichkeit, in der Recht und Ordnung herrschen, inszeniert. Schockierend ein Bild mit Carl von Ossietzky, Ernst Torgler und Ludwig Renn, die im Polizeipräsidium ausländischen Journalisten vorgeführt werden, um ihr „Wohlbefinden“ zu bezeugen.

          Die Kuratorinnen Carola Jüllig (DHM) und Katrin Bomhoff (Ullstein) haben diese Szenen eines halben Jahrhunderts zurückhaltend inszeniert, nur ab und an werden die Bilderreihen im Originalformat unterbrochen mit einem großen Ausschnitt: etwa vom kühnen Philipp Kester lebensgroß auf dem Baugerüst in New York. Man muss sich einlassen auf die Motive, die ihre Magie erst entfalten, wenn man nah herangeht und so auch eine Ahnung bekommt von der hohen Professionalität und Stilsicherheit dieser Fotopioniere und ihrer Bildredakteure: Was immer sie im einzig richtigen Augenblick mit ihren Kameras einfingen, zeigte sich schließlich erst in der Dunkelkammer, darunter nicht wenige Bilder, die heute Ikonen sind.

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