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Designer Dieter Rams in Frankfurt : Der Opa des iPods

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Schon in den frühen sechziger Jahren reduzierte er Regale auf ein Minimum und ließ schwere Musikanlagen schweben. Heute ist sein Umgang mit Rundungen und Oberflächen stilbildend. Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst huldigt dem Design-Altmeister Dieter Rams.

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          Dieter Rams ist ein Befreier. Er holte in den fünfziger Jahren die Braun-Hifi-Geräte aus der Erdenschwere furnierter Musiktruhen heraus und erfand neue Formen, manchmal kleiner als eine Buchseite. Hifi-Anlagen boten in jenen Jahren eine der wichtigsten Gestaltungsaufgaben, brachten sie doch kleinen Luxus und Weltläufigkeit in die deutschen Wohnzimmer. Von einigen Geräten in amerikanischer Stromlinienform abgesehen, sucht man den Nierentischlook der Nachkriegszeit bei der Firma Braun vergebens.

          Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt in einer fulminanten Retrospektive für den großen Gestalter Dieter Rams seine herausragende Raffinesse: So konnte man sich den TP 1 von 1959 zwar noch nicht ans Revers klemmen wie die heutigen Spieler. Aber in eine ausladende Manteltasche hätte das Gerät gut gepasst. Und es hatte dem zwanzig Jahre später von Sony entwickelten Walkman sogar noch eines voraus: Als Kombination aus Taschenradio und Plattenspieler konnte der TP 1 gleich zwei auditive Medien wiedergeben. Mit einem kleinen Schieber ließ sich eine Öffnung im Gehäuse aufmachen; eine Feder drückte dann die Nadel von unten an die Schallplatte. Ein Tonarm wäre unterwegs ja auch etwas unpraktisch gewesen.

          Die Zeitlosigkeit der Produkte als ästhetischer Wert

          Im Jahr 1955 kam Dieter Rams, der dreiundzwanzigjährige Absolvent der Wiesbadener Werkkunstschule mit Praxiserfahrung als Architekt, zur Abteilung Produktgestaltung bei Braun, die er in den folgenden vierzig Jahren maßgeblich prägte; nebenbei wurde er zum wichtigsten deutschen Industriedesigner. Schlüssig beleuchtet die Schau die ästhetischen Wurzeln einer neuen Generation, die dank der Experimentierfreude der jungen Braun-Erben Erwin und Artur in einem Labor der Kreativität arbeiten konnte.

          Die personellen und ideellen Querverbindungen reichten von der Darmstädter Mathildenhöhe über das Bauhaus bis zur Ulmer Hochschule für Gestaltung und illustrieren eindrücklich die Entwicklung zur reduzierten Form. Ähnlich der Leichtigkeit und Transparenz der Architektur jener Jahre reduzierten junge Produktgestalter wie Dieter Rams die Geräte auf das Wesentliche. Sie legten das Funktionieren offen und machten die Bedienung offensichtlich.

          Hier stößt die Ausstellung auf ein Kernprinzip moderner Gestaltung, das die Zeitlosigkeit der Produkte als ästhetischen Wert hervorbrachte. Am deutlichsten verkörpert das die Plattenspieler-Radio-Kombination SK 41 von 1956 mit dem berühmten Plexiglasdeckel, die wie eine Skulptur im Wohnzimmer stand. Aber auch andere Elemente der braunschen Produktsprache, wie das schilfige Grün und die Farben Gelb, Rot und Braun, haben ihren Ursprung auf den Schaltern und Steckern der ersten Geräte, die Rams entworfen hat.

          Gutes Design muss so wenig wie möglich wie Design aussehen

          Ein Schwerpunkt der Retrospektive liegt auch auf Dieter Rams' zweiter Leidenschaft, dem Entwerfen von Möbeln für den Dänen Niels Wiese Vitsoe. Stärker noch als die Kombinationen aus Lautsprechern, Verstärkern und Abspielgerät verkörpert das Regalsystem 606 aus dem Jahr 1960 das Modulare und Flexible seines Produktkosmos. Ist das Regal mit Büchern gefüllt, verschwinden seine konstruktiven Elemente nahezu vollständig, und die Bücher scheinen an der Wand zu schweben.

          Gutes Design müsse so wenig wie möglich wie Design aussehen, lautet auch eine seiner zehn Thesen. Die Frankfurter Ausstellung verlässt sich ganz auf dieses Manifest; denn sie selbst ist zu einhundert Prozent durchdesignt: Objektfotos und Katalog hat ein japanisches Büro um Tamotsu Shimada als großartige Reverenz an die grafische Meisterschaft der Braun-Bedienungsanleitungen inszeniert. Auch die Ausstellungsarchitektur macht alles richtig. Hier wird nicht ausgestellt, sondern die Dinge stellen sich selbst aus. Sie stehen einfach nur da, auf weißen Tischen, in luftigen Regalen und Vitrinen. So, als hätte man sie eben noch benutzt. Falls das doch schon länger her sein sollte (manchmal lässt sich das anhand der Dinge nicht so genau sagen), nimmt man einfach die Katalogbedienungsanleitung zur Hand und schlägt das Datum nach.

          Die Ausstellung hat den Anspruch, mehr zu bieten, als einen Showroom der Zeitlosigkeit. Sie ist aber letztendlich nur genau das. Wo die Funktion ganz im Zusammenhang von Sehen und Verstehen aufgeht, reicht eine Illustration der „visuellen Haltbarkeit“ guten Designs aus. In den anderen Fällen, wie zum Beispiel bei der Kombination mit einem iPod von Apple, wäre eine ideelle Einordnung wichtig gewesen, um das Ethos von Dieter Rams für die Zukunft fruchtbar zu machen. Hier hätten die Kuratoren mehr Mut beweisen können.

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