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Design-Ausstellung : Konflikt zwischen Menschen und Möbeln

Konstantin Grcic quält seine eigenen Möbel Bild: Florian Böhm

Designer wollen Kunstwerke schaffen, Menschen wollen sich einfach nur setzen. In Berlin spielt Konstantin Grcic den Konflikt zwischen Menschen und Möbeln lustvoll durch.

          3 Min.

          Die traurigste Aussage, die man über Möbel machen kann, ist vermutlich diese: dass die Sessel oder Lampen eigentlich Kunstwerke seien, ausdrucksstarke Skulpturen, auf die man sich, eher ne­benbei, auch setzen oder mit denen man einen Raum beleuchten kann. Traurig ist die Aussage nicht nur dann, wenn sie eine Prätention ist. Traurig ist sie erst recht, wenn sie stimmt, wenn also ein Zimmer so perfekt eingerichtet ist, dass man als Mensch nicht stören möchte. Oder wenn man sich kaum zu setzen traut, weil die Berührung mit der vollkommenen Form eines Sessels die Un­vollkommenheit des menschlichen Körpers besonders deutlich sichtbar und spürbar macht.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Konstantin Grcic, der bekannteste deutsche Möbeldesigner, hat seit jeher ein Talent für beides: für die Perfektion. Und für die Kritik an der perfekten Form. Sein Sessel „Sam Son“ ist eine so feierliche Hommage an den Pop der Sechziger, dass man sich passend kleiden möchte, bevor man sich darauf setzen darf. Wogegen der „Chair_One“, sein berühmtester Entwurf, nicht schön, sondern geradezu hässlich sein will, eine Provokation für den braven Geschmack, ein aus Metall und Beton zusammengebautes Ding, auf dem man nicht nur sitzen, sondern übers Sitzen auch nachdenken und dann aufstehen und weiterschreiten soll. Und die Lampe „May Day“ sieht eher wie ein Werkzeug aus: ein Kegel, der leuchtet, mit einem aus der Proportion geratenen Haken obendran – man hängt diese Lampe da auf, wo man gerade etwas zu montieren hat; oder man stellt sie einfach aufs Parkett und macht damit das Statement, dass man auf hübschere, dekorative Dinge pfeift.

          Zwei Stühle, aneinandergekettet
          Zwei Stühle, aneinandergekettet : Bild: Florian Böhm

          Grcic hätte also, als das Berliner Haus am Waldsee ihm anbot, eine Ausstellung zu gestalten, nur seine schöneren und seine provokanteren Entwürfe ne­beneinanderstellen und einander kommentieren lassen können; dazu vielleicht ein paar Schautafeln mit Berichten aus seiner Werkstatt – schon weil Grcic darauf besteht, dass das Ergebnis seiner Arbeit womöglich skulptural aussieht; dass aber am Anfang immer die Frage steht, ob man über die elementaren Bedürfnisse des Sitzens, Liegens, Lümmelns noch einmal völlig neu nachdenken könne. Dass das keine Pose ist, sondern ein Verfahren, das manchmal zu verblüffenden Ergebnissen führt, be­weist zum Beispiel „Miura“, ein Ding, das so wirkt, als ob man mit mehreren davon vielleicht Barrikaden bauen, aber sonst nichts anfangen könnte. Und das doch nichts weniger als die Neuerfindung des Barhockers ist, ein Möbel, auf dem man auch nach dem dritten Drink das Gleichgewicht behält.

          Marcel Breuer hat nichts geahnt

          Grcic wäre das aber zu wenig gewesen – zumal der Ort, eine schöne Villa aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, mit seiner Gediegenheit, seiner gutbürgerlichen Großzügigkeit auch das provokanteste Design in einen geschmackvoll ausgesuchten Einrichtungsgegenstand verwandeln würde. Grcic setzt deshalb sein Design dem Angriff des Nichtdesigns aus, er erforscht, was übrig bleibt, wenn die schöne oder jedenfalls reflektierte Form sich gegen die Formlosigkeit behaupten muss. Seine Arbeitshypothese geht ungefähr so: dass die Zweckentfremdung die eigentliche Bestimmung noch der besten Designerstücke sei. Marcel Breuer ahnte nichts von den Laptops, die heute auf seinen Schreibtischen stehen. Vico Magistretti sah es nicht kommen, dass seine Lampen neben LED-Bildschirmen leuchten würden. Und da Grcic sich seine Objekte nicht aus der Zukunft holen kann, konfrontiert er seine Entwürfe mit Gegenständen, deren Zweck und Sinn nicht erkennbar sind.

          Aus der Armlehne des schönen ockergelben Sessels „Sam Son“ kommt ein giftig grüngelber Schlauch – so, als ob man hinter der schicken Oberfläche die Reste schlechten Geschmacks noch ab­pumpen müsste. Der Hocker „Miura“ ist mit einem handelsüblichen Schloss an eine Eisenstange gekettet – so, als ob der Hocker und nicht der Trinker jetzt ausgenüchtert werden müsste. Ein Bü­ro­stuhl wurde gefesselt, aus einer Sitzbank wachsen Stacheln heraus, vor ei­nem Lounge-Sessel hängt eine Windschutzscheibe von der Decke herab.

          Eine Chaiselongue, die Selfies macht
          Eine Chaiselongue, die Selfies macht : Bild: Florian Böhm

          Ein tief empfundener Unernst scheint Grcic da anzutreiben, ein Vergnügen daran, sich über den heiligen Ernst des Kunst- wie des Designbetriebs lustig zu machen – es ist schwer, angesichts einer Tischplatte, die Grcic mit den buntesten und billigsten Aufklebern dekoriert hat, nicht in lautes Lachen auszubrechen. Man kann diesen Witz natürlich abwehren, als pubertär, spätdadaistisch, al­bern. Und die ganze Ausstellung als künstlerisch sehr ernst zu nehmende In­stallation über Objekte, Formen, Farben und den Raum, der das alles umgibt, zur Kenntnis nehmen.

          Das ist sie ja auch – aber wenn zwei Stühle verkehrt herum von der Decke herunterhängen, denkt man, dass das vielleicht die gerechte Strafe ist für all jene Menschen, die zu lange zu unbequem auf diesen Stühlen gesessen ha­ben. Und dass Grcic offenbar in der ganzen Ausstellung von dem Wunsch angetrieben wird, seine Objekte zu quälen, zeigt nicht nur, dass er das grundsätzliche Verhältnis von Mensch und Design verstanden hat – er verschafft auch dem Besucher die Erkenntnis, dass es zwischen den beiden, Mensch und Möbel, einen grundsätz­lichen Konflikt gibt. Schönheit ist keine Lösung. Und die Kunst nur ein Trost.

          Konstantin Grcic: „New Normals“ . Haus am Waldsee, bis zum 8. Mai.

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