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Künstler Franz Gertsch wird 90 : Der Sucher

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Der Schweizer Künstler Franz Gertsch malt auch im hohen Alter noch. Bild: dpa

Kleine Lichtpunkte und große Formate machen die Werke von Franz Gertsch aus. Durch Fotovorlagen entwickelt er eine neue, intensive Wirklichkeit. Heute feiert der Schweizer Künstler neunzigsten Geburtstag.

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          Die Kamera dient Franz Gertsch als Erweiterung der Augen. Dem Schweizer Hyperrealisten, bekannt für seine großformatigen Werke, gelingt so eine präzise Erfassung der Wirklichkeit, die er anhand von Diapositiven auf die Leinwand überträgt. Doch Gertsch bildet nicht einfach nur ab; vielmehr entwickelt er einen neuen malerischen Kosmos. Auf der Suche nach seinem persönlichen Ausdruck fand Gertsch zur Porträtkunst. Er malte Einzelpersonen und Gruppen in Alltagssituationen. So rückte der Mensch in den Fokus.

          Den Umbruch markiert eine Selbstdarstellung Gertschs von 1980, ein 257 mal 391 Zentimeter großes Porträt, das ihn vor einer schlichten, holzverkleideten Wand zeigt. Der konzentrierte Blick aus blauen Augen, der links am Betrachter vorbeigeht, bildet den zentralen Punkt des Gemäldes. Es folgten eine Reihe von monumentalen Einzelporträts, die Frauen vor kargen Hintergründen zeigen. Die Größe der Bilder erschlägt den Betrachter beinahe. Man muss Abstand nehmen, um ihre äußere Wirklichkeit ganz zu erfassen, in der Nahbetrachtung erschließt sich Verborgenes.

          Lichtpunkte der Kunst

          Der Porträtspezialist wendet sich von 1986 auch dem Holzschnitt zu. Er stellt sich der Problematik, durch Lichtmodellierung Dreidimensionalität zu erzeugen. Gertsch entwickelt dafür eine neue Technik: kleinste Punkte werden in die Oberfläche der Druckplatten graviert. Dadurch entstehen keine Konturen oder Schatten, sondern leuchtende Zonen, die je nach Dichte der Punkte intensiver erscheinen. Diese Lichtpunkte erzeugen ein meist einfarbiges Motiv, das auf einer fotografischen Vorlage basiert. Um gewohnt großformatig zu arbeiten, geht Gertsch dazu über, Diptychen oder mehrere Platten nebeneinander auf ein Papier zu drucken. Neben geisterhaft erscheinenden Porträts widmet er sich nun auch Darstellungen der Landschaft nahe seinem Haus in Rüschegg im Kanton Bern.

          Gertsch arbeitet beeindruckend detailreich. Die einzelnen Fasern und Adern eines Blattes, facettenreiche Waldwege oder die Wellenbewegungen des Wassers überwinden die Grenzen des sonst harten Holzdrucks. Sie entwickeln eine faszinierende, auch durch die monochrome Farbe unterstütze, neue Form der Wirklichkeit. Die Kunstwerke erscheinen trotz der überdimensionalen Größe leise. Gertsch sei nie Sklave eines einzigen Stils geworden, befand Jean-Christophe Ammann einmal. Von 1995 an findet der Sucher nach der Wirklichkeit mit einer Serie von vier Gräsergemälden wieder zur Malerei, wendet sich jedoch nicht vom Holzschnitt ab. Es entsteht ein Wechselspiel der beiden Techniken, in dem Gertsch alte Motive neu interpretiert. Am heutigen Sonntag wird Franz Gertsch neunzig Jahr alt.

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