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Lateinamerikas Kunst im Prado : Der Reichtum der Anderen

Gemischte Gefühle: „Los tres mulatos de Esmeraldas“ von Andrés Sánchez Galque, 1599. Bild: Museo Nacional del Prado

Der Prado in Madrid zeigt alte lateinamerikanische Kunst. Die Ausstellung beleuchtet die kulturelle Vielfalt des Kontinents - und die oft gewaltsame Geschichte Spaniens und seiner damaligen Kolonien

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          Als der Prado in Madrid 2019 seinen zweihundertsten Geburtstag feierte, begann ein Prozess der Reflexion des Museums über sich selbst, auch darüber, wie sich die königlichen Sammlungen, zu denen vormals nur der Adel Zutritt hatte, in einen demokratisierten Kunstort für alle verwandelten. Mit der neuen Schau unter dem Titel „Tornaviaje“, Rückreise, richtet der Prado den Blick auf Werke, die normalerweise unterhalb der Wahrnehmung des bürgerlichen Publikums liegen: Bilder, Skulpturen und Objekte, die seit dem sechzehnten Jahrhundert aus den amerikanischen Kolonien ins Mutterland zurückgeschickt wurden und dort in Palästen und Privathäusern, Kirchen, Klöstern und Seminaren Teil der ästhetischen Ausstattung wurden. Diese Objekte dienten als Erinnerung und Souvenir, aber auch als Zeichen frisch erworbenen Wohlstands. Untergründig waren sie fast immer ein Kommentar zu den Hierarchien der Neuen Welt.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Zugleich begann auf subtile Weise eine Verschmelzung der Stile, die in einem spannungsvollen Verhältnis zur Verschmelzung der Hautfarben und sozialen Klassen stand. So gewöhnten sich spanische Augen etwa an das Muschelornament, das lateinamerikanische Maler auf ihre Bilder setzten, an exotische Kleidung und kräftige Farben. Und weil das politische Programm der Nachfahren der katholischen Könige untrennbar an die Religion gebunden war, bestand ein Großteil der „nach Hause“ geschickten Kunst aus sakralen Werken: Zeugnis von Frömmigkeit und Anbetung, Beweise für die Stabilität der neu geschaffenen Welt und die Einheit des katholischen Glaubens. Liebhaber devotionaler Kunst kommen im Prado auf ihre Kosten, auch wenn ihnen die Namen der allermeisten Künstler – sofern sie nicht anonym sind – kaum etwas sagen dürften.

          Was das Krokodil erzählt

          Die Schau konnte auf Leihgaben aus Florenz, Chicago und Malta zählen, der Rest stammt aus Spanien, von kleinen kirchlichen Sammlungen bis zu den großen Museen in Sevilla, Bilbao, Madrid oder Barcelona. Gerade die enorme Streuung der Gegenstände über das ganze Land ist ein Zeichen dafür, wie sehr die Kunst aus der Neuen Welt in den Alltag und die religiöse Praxis des Mutterlands eingesickert ist: Gemälde, Zeichnungen, Schmuck, Truhen, Devotionalien, selbst ein konserviertes Krokodil gelangte aus Lateinamerika nach Spanien.

          Das Krokodil übrigens, um 1750 aus Mexiko nach Europa geschickt, ist normalerweise in der kleinen Kirche des Dorfes Icod de los Vinos an der Nordküste von Teneriffa zu bestaunen, und sicherlich hat es über zweieinhalb Jahrhunderte hinweg die Vorstellungen der Menschen über die „Américas“ geprägt, jene ferne Welt, in die immer wieder Spanier aufbrachen, um ein besseres Leben zu finden. Wie stark Flora und Fauna der Ferne auf die Fantasie wirkten, zeigen herrliche Tafeln mit Vögeln, Säugetieren und Menschentypen, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allesamt in ein großes Klassifikationssystem gezwängt wurden. Zähmung durch Ordnung, könnte man sagen; aber auch: Staunen über die Vielfalt der Arten.

          Die Hand der Herrscherin

          Von besonderem Interesse sind heute natürlich Werke, die Machtverhältnisse, Traditionen und Gesellschaftsverständnis abbilden. Panoramabilder der Silberminen von Potosí oder historisierende Darstellungen von indigenen Aufständen zeigen, wenig überraschend, den Sieg der angeblichen Zivilisation über die brutal Kolonisierten. Und auch ein Gemälde wie das Porträt der Adeligen María Luisa de Toledo mit ihrer indigenen Dienerin drückt die erwartbare soziale Distanz aus – die hellhäutige Nachfahrin von Spaniern im prächtigen Kleid in die Mitte gerückt, ihre dunkelhäutige Dienerin klein am rechten Bildrand, eine wohlwollende weiße Herrscherinnenhand auf dem Kopf. Daneben gibt es Zeugnisse, die schwerer deutbar sind. Zum Exotismus der „Tres mulatos de Esmeraldas“ (um 1600, Ecuador) kommen die unübersehbare Pracht der Gewänder und die Genauigkeit der Darstellung von Gold-Piercings, Lanzen und Hüten. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts feierte José Joaquín Magón in einem Gemälde die Verschmelzung der Hautfarben durch Mischehe: „Aus Spanier und Indianerin erwächst die Mestizin.“

          Es lohnt sich, die Werke dieser Ausstellung sehr genau zu befragen. Schon damals waren die sozialen und ethnischen Beziehungen komplex, und die Ausstellung im Prado illustriert an zahlreichen Beispielen, wie sie auf das Mutterland zurückwirkten. Sozial erfolgreiche „indianos“ etwa, die Machtpositionen in der Neuen Welt bekleideten, schickten Geld, Schmuck und Kunstwerke nach Spanien, um an den Wohnorten ihrer Ursprungsfamilien sichtbare Symbole ihres Aufstiegs zu hinterlassen, und oft waren die prächtigen Anwesen der Nachkommen von Ausgewanderten das Teuerste, was sich in Kantabrien oder dem Baskenland überhaupt finden ließ. Reich zu sein, das bedeutete in Mexiko oder Peru eine ganz andere Dimension von finanziellen Mitteln als im verkalkten Europa. Es hat seinen Grund, dass „mestizaje“ – Mestizentum, gemischte Herkunft – zum schillernden Schlüsselbegriff der lateinamerikanischen Identität geworden ist.

          „Rückreise“ (Tornaviaje). Im Prado, Madrid; bis zum 13. Februar 2022. Der broschierte Katalog kostet 32 Euro.

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