https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/der-prado-in-madrid-will-inklusiver-werden-und-sortiert-sich-neu-17174601.html

Umdenken im Prado in Madrid : Corona als Chance

Das Museo del Prado in der spanischen Hauptstadt will inklusiver werden und sortiert sich neu. Die Pläne für dieses Jahr sind ambitioniert.

          3 Min.

          Das einsame Glück lässt nicht lange auf sich warten. Dann hat der Besucher die „Meninas“ ganz für sich allein. Wo sich sonst vor den „Hoffräulein“ von Diego Velázquez die Betrachter drängeln, blickt gelangweilt ein Aufseher durch sein Plexiglasschild vor dem Gesicht. Das „goldene Zeitalter“ Spaniens gibt es im Madrider Prado derzeit fast exklusiv. Knapp drei Monate hatte das Museum im Frühjahr 2020 geschlossen – so lange wie seit dem Bürgerkrieg vor mehr als achtzig Jahren nicht mehr. Doch die dritte Welle der Pandemie, die Spanien gerade mit großer Heftigkeit überrollt, hat die Museen in der spanischen Hauptstadt bisher nicht dazu gezwungen, ihre Tore wieder zu verriegeln. Das schaffte nur der Jahrhundertschneefall für wenige Tage zu Jahresbeginn.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bis das Virus kam, besuchten jedes Jahr mehr als drei Millionen Menschen den Prado, die meisten von ihnen waren ausländische Touristen. Jetzt entdecken die Madrider ihr Museum. Fast 300.000 kamen zum Wiedersehen: „Reencuentro“ heißt die Auswahl von etwa 250 der mehr als tausend sonst gezeigten Gemälde. Auf einem Drittel der Gesamtfläche konzentriert sich in der Hauptgalerie die künstlerische DNA des Hauses.

          „Es gibt ganze Perioden der Kunstgeschichte und Regionen, die bisher ausgeschlossen waren“

          Die Not ließ die Kuratoren kreativ werden. Das wird Folgen haben. Auch wenn Corona vorüber ist, wird es in den Sälen dauerhaft anders aussehen. Die ehrwürdige Institution will „inklusiver“ werden und sortiert ihre Dauerausstellung neu. „Eine der wenigen positiven Folgen“ von Covid sei die Zeit gewesen, die die Schließung des Museums im Frühjahr den Mitarbeitern gab, um die Werke und deren Präsentation neu zu bewerten, sagte der Prado-Direktor Miguel Falomir vergangene Woche.

          Ein wichtiger Impuls waren dabei die Erfahrungen mit „Reencuentro“ und der ersten Sonderausstellung, die seit Oktober selbstkritisch die frauenfeindliche Geschichte des eigenen Hauses beleuchtet. Der spanische Titel „Invitadas“ (Eingeladene) heißt in der englischen Version treffender „Ungebetene Gäste“, die sich mit der Zeit zwischen 1833 und 1931 befasst. Das schlechte Gewissen wird bald Konsequenzen haben: Frauen werden in der neuen Dauerausstellung nicht mehr nur vorwiegend als Modell eine Rolle spielen. Mehr Werke von Künstlerinnen sollen künftig aus dem Depot in die Säle kommen. Zudem wird der Prado mehr Werke von Frauen erwerben, Forschungsprojekte unterstützen, um die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen, und ein eigenes Stipendium für die Untersuchung von Gender-Themen anbieten.

          Menschen gehen neben einem Eingang zum Prado-Museum eine Treppe hinauf.
          Menschen gehen neben einem Eingang zum Prado-Museum eine Treppe hinauf. : Bild: dpa

          „Es gibt ganze Perioden der Kunstgeschichte und Regionen, die bisher ausgeschlossen waren. Nach und nach werden wir einen inklusiveren Prado haben“, kündigt Miguel Falomir an. Nicht nur Bilder von Frauen, sondern auch soziale Malerei sowie außereuropäische Kunst, zum Beispiel von den Philippinen, hätten bisher in der Sammlung des neunzehnten Jahrhunderts nicht den Platz gefunden, der ihnen gebühre. Teile des Museums hält Falomir für anachronistisch, da sie überholten historiographischen Modellen folgten. Einen sichtbaren Akzent wird im Oktober die Sonderausstellung „Tornaviaje: Iberoamerikanische Kunst in Spanien“ setzen, die wegen Corona verschoben werden musste. Es geht um die Bedeutung und den Einfluss kolonialer Kunst aus Lateinamerika.

          Doch schon heute weht ein frischerer Wind durch das hohe Gewölbe der Hauptgalerie. Die Kuratoren mussten sich entscheiden, was ihre Sammlung ausmacht, für die Auswahl kam alles auf den „Prüfstand“. Gemälde, die früher in kleinen Räumen hingen, können sich auch einmal entfalten – wie das Aroma eines frisch entkorkten alten Weins. Flamen, Deutsche und Italiener kommen plötzlich ins Gespräch miteinander. Gleich am Anfang hängen zum ersten Mal die leuchtende Verkündigung des Quattrocento-Malers Fra Angelico und die dramatische Kreuzabnahme des flämischen Meisters Rogier van der Weyden gegenüber. Die nationalen Schulen rücken entlang der Zeitachse in den Hintergrund.

          Seit dem späten sechzehnten Jahrhundert nicht mehr vereint

          Auch die kleinen Ausbrüche von der traditionellen geographischen Hängung lohnen sich. Zweimal verschlingt der furchterregende Saturn einen seiner Söhne. Der erste ist von Rubens, der zweite gleich nebendran von Goya. Viel sinnvoller ist es auch, Francisco de Goyas Gruppenporträt der Familie Karls IV. mit seinen beiden Bildern „Dos de Mayo“ und „Tres de Mayo“ zu flankieren. Sie schildern den Beginn des Aufstands gegen die französischen Besatzer im Jahr 1808. Zu normalen Zeiten würden die sonst getrennt ausgestellten Meisterwerke einen riesigen Besucherstau verursachen. So waren viele Bilder noch nie zu sehen. Leider wird es zum größten Teil nur ein Pandemieprovisorium bleiben.

          Aber die Pläne für dieses Jahr sind ambitioniert. Im Laufe des Jahres werden die sechs von Philipp II. in Auftrag gegebenen „Poesie“-Gemälde Tizians aus London nach Madrid kommen. Seit dem späten sechzehnten Jahrhundert waren sie nicht mehr vereint. Später werden sie nach Boston reisen. In der Londoner National Gallery musste die Sonderausstellung wegen der Pandemie immer wieder zumachen. Laut Prado-Chef Falomir gibt es in Madrid keinen Plan B für den Fall eines neuen Lockdowns. Denn der Ausfall von gut siebzig Prozent der Besucher ist auch wirtschaftlich nur schwer zu verkraften und durch digitale Aktivitäten nicht aufzufangen. Für diese erhält der Prado aus dem EU-Wiederaufbaufonds immerhin fünf Millionen Euro.

          Wenn alles gutgeht, sollen im November Bauarbeiten auch im konkreten Sinn des Wortes beginnen, um mehr Platz zu schaffen. Das wird nach den Plänen der Architekten Norman Foster und Carlos Rubio im sogenannten Salón de Reinos geschehen, einem Gebäude unweit des Prado, das zur Königsresidenz Buen Retiro gehörte.

          Weitere Themen

          Das Gegenteil von Bilbao

          Museumsneubau in Spanien : Das Gegenteil von Bilbao

          Eigenwillig in der Extremadura: die deutschstämmige Sammlerin Helga de Alvear hat sich ein Museum in Cáceres errichtet. Der mitten in der Stadt entstandene Bau setzt nicht auf Show, sondern dient der Kunst und der Stadt.

          Topmeldungen

          Corona-Welle : Muss sich Nordkorea jetzt öffnen?

          Kim Jong-un hatte gehofft, das Coronavirus werde sein Land nie erreichen. Jetzt ist es da – und Impfstoff fehlt. Der Machthaber weist die Schuld von sich.
          Weizen wird knapp: Familien in Jemens Provinz Lahdsch erhalten Mehl-Rationen. Die Versorgung wird wegen des Ukrainekrieges immer schwieriger.

          Getreidekrise durch den Krieg : Putin setzt auf Hunger

          Russland beschuldigt die Ukraine, ihre Häfen zu blockieren und damit schuld an der globalen Getreideknappheit zu sein. Gleichzeitig intensiviert Moskau die Propaganda in Afrika.

          Sturm „Emmelinde“ : Nach Unwetter allein in Paderborn über 40 Verletzte

          Sturm „Emmelinde“ ist am Freitagnachmittag über Teile von Deutschland hinweggefegt. In Paderborn und Lippstadt sorgten Orkanböen für Verwüstung. In Mittelfranken fuhr die Feuerwehr Hunderte Einsätze. Die Aufräumarbeiten sollen bis Samstagmittag dauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch