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Künstler Jimmie Durham tot : Der Steinflüsterer

Jimmie Durham im Jahr 2017 in seinem Atelier. Bild: GIULIO PISCITELLI/The New York Times

Der Bildhauer Jimmie Durham entlockte Gestein seine Geschichte und der Geschichte ihre Stereotypen. Nun ist der amerikanisch-irische Cherokee mit einundachtzig Jahren gestorben.

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          Die letzte Venedig-Biennale 2019 zeichnete ihn noch rechtzeitig mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk aus, nachdem er zuvor bereits fünfmal teilgenommen hatte; auf der Documenta 15 nächstes Jahr kann er nun nicht mehr persönlich dabei sein: der 1940 geborene und schon seit 1964 als Bildhauer tätige amerikanisch-irische Cherokee Jimmie Durham.

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Wobei diese ihn – ein Treppenwitz der Geschichte – nicht als ihresgleichen anerkennen, da das Wort „Cherokee-Indianer“ nicht in seiner Geburtsurkunde erscheint. Seine Eltern versuchten, ihn solchen abstempelnden Zuschreibungen zu entziehen. Ungeachtet dessen hat sich Durham mehr als fünfzig Jahre bei der UNO und andernorts für die Rechte indigener Völker engagiert, meist mit Mitteln der Kunst.

          Sein Lebensthema waren einengende Identitätszuschreibungen und Stereotypisierungen sowie die mitunter gefährlichen Konsequenzen für die solcherart Klassifizierten. Denn Durham arbeitete dort weiter, wo Beuys’ „Erweitertes Kunstwerk“, das er wie den Künstler sehr schätzte, durch dessen Tod abbrach: Das Schamanische übertrug er etwa auf seine „Self Portraits“ und vor allem die Tierplastiken, denen er mit aufgesetzten knöchernen Schädeln von Luchs, Bison oder Elch eine staunenswerte Lebendigkeit einhauchte, deren filigrane Körper er hingegen oft aus Draht fertigte und mit Webdecken oder Pappmaché bedeckte.

          Schöner Wohnen: Jimmie Durham belebt Möbel durch Tierschädel.
          Schöner Wohnen: Jimmie Durham belebt Möbel durch Tierschädel. : Bild: Andrea Avezzù

          Mythische Tiere

          Diese mythischen Tiere waren – wie seit der Steinzeitkunst übliche Praxis – eindeutig menschengemachte Idole, ihre Klassifizierung aber schwierig bis unmöglich. War der 2019 in Venedig wie eine massige Jagdtrophäe im Raum stehende surreale Stierschädel auf seinem Schrank-Körper aus dunklem Holz nun ein Büffel-Möbel oder Schrank-Büffel? Sinnig lehnte an der Biennale-Wand eine seiner berühmten polierten Steinplatten, ein „Schwarzer Serpentinit“, der mit seinen weißblitzenden Kalzitadern wie ein Werk des Informel wirkte und in dem Erdhistorie geschichtet ist, die von ihm im Text daneben beschrieben wurde: Die Mischung der Mineralien im Serpentinit entspricht jener der lebenspendenden Ursuppe, er entstand parallel zum ersten „definierten“ Leben auf Erden. Das soziale Nachleben des Steins ist sein für Tagelöhner mühevoller Abbau und Transport von Nordindien nach Hamburg und via Leipzig und sein Atelier in Berlin nach Venedig. Durhams Steine des Anstoßes sind immer doppelt belebt; es sind politische Prellsteine. Das zeigt auch die Installation „Still Life with Car and Stone“ im Hafen von Sidney: Ein gewaltiger Fels schien aus heiterem Himmel in ein Auto gestürzt zu sein. Oder wuchs und korrodierte etwa das zerbeulte Blechkleid des Autos jahrelang um den still und unverrückbar daliegenden Brocken Natur?

          Nicht viele wissen, dass er auch Sprachbildhauer war und Gedichte wie „Askance“ schuf, das er nach mehreren Schlaganfällen auf dem Weg ins Krankenhaus in der Ambulanz schrieb. Auch in den Poemen entziehen sich die aus schamanischem Klang geborenen Neologismen einer klaren Identifizierung, obwohl der Hörer intuitiv spürt, was gemeint ist.

          Traurig ist, dass Jimmie Durham nun nicht so alt wurde wie einer seiner Steinfreunde. Am Mittwoch ist er einundachtzigjährig gestorben.

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