https://www.faz.net/-gqz-9v9do

Zweimal Maler Norbert Bisky : Die Ostzone im Kirchengewölbe

Der Künstler Norbert Bisky steht in der St.-Matthäus-Kirche vor den Bildern seiner Ausstellung „POMPA“ an der Decke des Kirchenbaus. Bild: dpa

Wer innerlich geteilt ist, kann eben doch mitteilen: Der Künstler Norbert Bisky zeigt in einer Berliner Kirche im ehemaligen Todesstreifen und einer Potsdamer Villa nahe der Glienicker Agentenbrücke Bilder zu den Rissen in der deutschen Seele.

          3 Min.

          Spätestens seit dem Film „Bridge of Spies“ mit Tom Hanks kennen noch mehr Menschen die Glienicker Brücke in Potsdam als nebulösen Ort des Kalten-Krieg-Agentenaustausches zwischen Ost und West. In der unweit gelegenen Villa Schöningen zeigt der Maler Norbert Bisky nun Bilder zu seinen Erfahrungen mit deutsch-deutscher Teilung, Wiedervereinigung und Folgen, ebenso wie in der gleichermaßen nahe dem ehemaligen Todesstreifen gelegenen Matthäuskirche am Berliner Kulturforum.

          Kirchen in die Luft gesprengt, Hass ins Netz

          Stefan Trinks
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass Berliner Kirchen im Grenzland gefährlich lebten, belegt etwa die Sprengung der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße im Mauerstreifen noch im Jahr 1985; Bisky inszeniert dieses bedrohte Leben der Gebäudehüllen als Stellvertreter für die Gläubigen darin, indem er jede Nacht Suchscheinwerfer aus dem Inneren der Kirche wie gierige Finger die Umgebung abtasten lässt. Der Ausstellungstitel „Pompa“, lateinisch für Fest, aber auch Totenfeier, wirkt angesichts der immanenten Gefahr ironisch-doppeldeutig, genauso wie der englische Titel „Rant“ in Potsdam, der „wüste Beschimpfung“ durch Wutbürger und Hassende im Netz meint, bereits onomatopoetisch bedrohlich klingt.

          Erschütterung des Systems: Biskys „Sacudón“, 2017.
          Erschütterung des Systems: Biskys „Sacudón“, 2017. : Bild: Bernd Borchardt,VG Bild-Kunst, B

          Den spannenderen Ausstellungsort bildet dennoch die Kirche: Dort hängen siebenundvierzig Leinwandgemälde unter der Decke von St. Matthäi. Was Tizian und Tintoretto im dauerfeuchten Venedig des sechzehnten Jahrhunderts nicht anders hielten, nämlich anstelle der stockfleckengefährdeten Freskotechnik Leinwände im Atelier zu bemalen und dann — im Notfall abnehmbar — an die Decke zu bringen, tut auch Bisky. Er arrangiert schon vor Jahren gefertigte Leinwandbilder zusammen mit eigens für die Schau gemalten in den fünf Deckenjochen der Kirche. Und wie in Venedig heute noch praktiziert, verhindern Spiegel am Boden manch steifen Betrachterhals.

          Überall Nackte, Hals über Kopf

          Der Effekt dieser Überkopf-Hängung ist einzigartig: Plötzlich gewinnt ein älteres Bild von 2006, die „Himmelfahrt in Friedrichshain“ tatsächlich über die bekannten nackten Jünglinge hinaus eine fast sakrale Ernsthaftigkeit. Sein Gemälde „Der Sündenbock“ referiert erkennbar auf Goyas grausames „Saturn frisst seine Kinder“, das zum ikonischen Warnsignalbild aller ihre Anhänger verschlingenden Revolutionen wurde. Ähnlich stark apokalyptisch aufgeladen ist das „Dies illa“, das vom einstigen Kontext der Carmina Burana aus Benediktbeuren kaum zu trennen ist. Bisky ist damit nicht nur der notorische Romantiker, dessen jugendschöne Protagonisten sich reihenweise opfern. Er verwendet auch wie selbstverständlich die starken Bilder aus zweitausend Jahren christlicher Ikonographie, allerdings abgeschält in völlig anderen Kontexten.

          Norbert Bisky „Levitation“, Öl auf Leinwand, 2007.
          Norbert Bisky „Levitation“, Öl auf Leinwand, 2007. : Bild: Bernd Borchardt,VG Bild-Kunst, B

          So fügt sich ein Bild wie „Levitation“ von 2007 mit einem zentralen „Gekreuzigten“, aus dessen ausgebreiteten Armen zusätzlich Weißes strömt - das aber wie so oft bei Bisky auch für einen Körpersaft stehen kann -, auf den ersten Blick bestens in den Sakralraum ein. Andere nackte Jünglinge fliegen vor einem vermeintlich strahlendblauen Himmel in der selben Kruzifixuspose umher, abgerissene und blutende Köpfe vermögen für Märtyrertum genauso wie für Lustmordopfer zu stehen, und ein wie von einem Tornado entwurzelter Strommast kann auch ein umgestürztes Kreuz sein. Dieses Spiel mit der Zweideutigkeit von Formen konnte der Maler in der späten DDR täglich erleben: Ob Altmeister wie Werner Tübke und Arno Rink oder in den achtziger Jahren noch jüngere Künstler wie Cornelia Schleime und Stefan Plenkers - alles Dargestellte war gewissermaßen selbst geteilt wie das Land. Die DDR brachte als ihren genuinen Beitrag zur Kunst einen Schizophrenismus der Form hervor.

          Miteinander-Ringen und offene Wunden: Biskys „Katzensprung“, 2019.
          Miteinander-Ringen und offene Wunden: Biskys „Katzensprung“, 2019. : Bild: Bernd Borchardt,VG Bild-Kunst, B

          So ist auf dem für die Villa gemalten „Katzensprung“ auf einer Ost-Landkarte „West-Berlin“ wie von einem schwärenden Wundrand fleischfarben eingefasst und klafft tatsächlich im Territorium der DDR, komplett umstellt von den Erdkunde-Symbolen für Elektro- und chemische Industrie, wie eine Wunde, die einfach nicht vergehen will.

          Anmalen gegen die traurige Renaissance der Spaltungen und Parteinahmen

          Aber auch bei vorhandenen Bildern, die aus Privatsammlungen ausgeliehen wurden (oder, wo nicht möglich, zumindest als Leinwanddruck an die Decke wanderten), zeigt sich, dass sie den Themen Teilung und Vereinigung Essentielles hinzufügen können; es muss nicht erst Biographisches bemüht werden wie das Aufwachsen in einer Familie mit einem Vater als führendem Politiker einer Linkspartei, die permanent im Zwiespalt der Teilung lebte. Bisky selbst bekundet, dass er ohne den Mauerfall nie Künstler geworden wäre. Ungeteilt gut also, dass sich ein junger Maler entblößt, um unser aller inneres Gespaltensein in dieser Frage zu zeigen.

          POMPA und RANT. In der St.-Matthäi-Kirche, Berlin-Kulturforum und in der Villa Schöningen, Potsdam; bis zum 23. Februar. Kein Katalog.

          Weitere Themen

          Der helle Falke fliegt nur online

          Theaterboom in Moskau : Der helle Falke fliegt nur online

          Bühne frei für böse Märchen: Radikal aktualisierte Stücke von Alexander Ostrowski und Anton Tschechow, aber auch die Träume russischer Dschihadistenbräute elektrisieren das Moskauer Publikum.

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
                        Bald in der Luftwaffe? Eine amerikanische F-18 beim Katapultstart vom Flugzeugträger USS Carl Vinson

          Nukleare Teilhabe : Poker um den Atom-Bomber

          Nach der Einigung im Koalitionsvertrag muss entschieden werden: Sollen amerikanische Bomber oder deutsche Eurofighter in Zukunft die nukleare Teilhabe sichern?
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.