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Ungewohnte DDR-Kunst in Berlin : Diese Werke sind besetzt

Treuhänderisch, subversiv und selbstbewusst: Der Kunstraum Kreuzberg im Bethanien in Berlin zeigt fünfzig Künstlerinnen aus der DDR.

          4 Min.

          Alles beginnt mit einer Frau, die man hier nicht erwartet hätte. Es ist Birgit Breuel, die zweite Präsidentin der Treuhandanstalt, porträtiert von Henrike Naumann und Susanne Rische. Die Malerei, die sie in einer nachdenklichen Pose zeigt, ist ein untypisches Porträt, denn als Hintergrund wählen die beiden Künstlerinnen den Protest im VEB Kaliwerk „Thomas Müntzer“ im thüringischen Bischofferode. Es war das erste Aufbegehren einer ostdeutschen Belegschaft in der ökonomischen Transformationsphase nach dem Mauerfall. Das Bild soll die Macht und Ohnmacht der vom Wandel betroffenen Menschen ausdrücken. Beide Gefühle treffen auch den Kern der Ausstellung, in der das Bild gezeigt wird.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Der Kunstraum Kreuzberg widmet sich mit der Schau „Worin unsere Stärke besteht“ dem Schaffen von fünfzig Künstlerinnen, die in der DDR geboren wurden und die sich in ihrer Kunst mit dieser Identität auseinandersetzen. Die Ausstellung solle sich nicht der Historisierung von Kunst aus der DDR widmen, heißt es im ersten Saal, sondern Biographien der Künstlerinnen in den Mittelpunkt stellen.

          Schon im Eingangsbereich wird deutlich, dass das Erbe des realsozialistischen Staates, sei es kulturell oder ökonomisch, dabei kaum abgelegt werden kann. Einige der Künstlerinnen, wie die Fotografin Helga Paris oder die Grafikerin Ruth Wolf-Rehfeldt, waren bereits zu DDR-Zeiten aktiv. Andere, wie die Weimarer Künstlerin Ulrike Theusner und die Rostockerin Wenke Seemann, sind in den Achtzigerjahren geboren.

          Sehen und Hören: „Listeners & Typewriters“ von Peggy Buth.
          Sehen und Hören: „Listeners & Typewriters“ von Peggy Buth. : Bild: Peggy Buth/Klemm's

          Die Ausstellung verstehe sich als ein Gegenentwurf zu bisherigen Schauen der letzten Jahre, die sich der Kunst der DDR widmeten, sagt die Kuratorin Andrea Pichl. Ausstellungen zu Ostkünstlerinnen gab es immer wieder: Anlässlich des 50. Jubiläums des Internationalen Frauentags initiierte die SED-Führung 1960 die Ausstellung „Frauenschaffen in der bildenden Kunst“. Es war die erste Schau, die ganz dem weiblichen Kunstschaffen gewidmet wurde. Doch bei vielen kulturpolitischen Entscheidungen spielten die Künstlerinnen kaum eine Rolle. Dies zieht sich bis in die Gegenwart weiter. In den Überblicksausstellungen nach der Wiedervereinigung waren Künstlerinnen lediglich zu neunzehn Prozent vertreten, attestiert die Kuratorin.

          In den meisten der dreizehn Räume werden dementsprechend zeitgenössische und historische Werke zusammengeführt. Spannend ist der große Saal, in dem Inken Reinerts anarchistische Schrankwandskulptur „Quadratsystem“ mit einer Videoarbeit zum Autoritarismus im chinesischen Schulsystem von Ingeborg Lochmann interagiert. Das öffentliche und private Leben ist miteinander verwoben. Im Raum daneben setzt sich Jana Gunstheimer in ihrer comicartigen Bildserie „Kreuz des Ostens“ mit der Psychologie in Plattenbauvierteln auseinander. An den schwarz bemalten Wänden prangt das Logo „Zwickauer Fried Chicken“.

          Wie die wohl klingt?  Erika Stürmer-Alex: „Opernsängerin“, 2005
          Wie die wohl klingt? Erika Stürmer-Alex: „Opernsängerin“, 2005 : Bild: Archiv EST

          Die Zeichnungen zeigen maskierte Männer in Jogginghosen, die rumlungern oder Sport treiben. Jana Müller beschäftigt sich mit ihrem Aufwachsen in Halle und hat dafür persönliche Gegenstände gesammelt – Schlagringe und Mettigel, Uniformen und knallbunte Sparschweine. Gabriele Stötzer, die 1953 geboren wurde, zeigt ihre Videoarbeit „Veitstanz/Feixtanz“ von 1988, die Aktporträts, Bilder des Alltags in der DDR-Künstlerkommune oder Architekturaufnahmen des zerfallenen Erfurts enthält. Dazu werden vertonte Erinnerungsfragmente eingespielt.

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