https://www.faz.net/-gqz-a2z4j

Geschichte der Fotografie : Eine Welt aus Schwarz und Weiß

Hergeschaut: Donyale Luna mit Goldohrringen von Charlotte March, 1966 Bild: Courtesy Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg

Mit seiner Sammlung „Fotografie in Deutschland nach 1945“ erzählt Michael Schupmann die Geschichte des Mediums, der Bundesrepublik – und seines Lebens.

          3 Min.

          Es ist eine Binsenweisheit, dass sich jeder Sammler sein eigenes Universum bastelt, und doch konnte dem Kunstmarkt nichts Besseres passieren, als Susan Sontags Aperçu, wonach Fotografien zu sammeln heiße, die Welt zu sammeln. So hat sie es gleich auf der ersten Seite ihres 1978 erschienenen Essay-Bands „On Photography“ formuliert. Die Fotogalerien, die damals allerorten eröffneten, griffen das dankbar auf und machten den werbeträchtigen Satz zu so etwas wie ihrer gemeinsamen Losung. Im Umkehrschluss freilich kann man der Verführung nicht widerstehen, aus einer Sammlung Rückschlüsse auf den Sammler, den Schöpfer dieser Welt zu ziehen – nicht nur auf dessen Vorlieben für bestimmte Künstler, Genres oder Formen der Ästhetik, sondern gleich auf den gesamten Charakter.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Doch Michael Schupmann macht es einem schwer. „Fotografie in Deutschland nach 1945“ hat er seine Sammlung von etwa siebenhundert Arbeiten mit bestenfalls buchhalterischem Impetus überschrieben, und wer jetzt den breiten Querschnitt daraus in der Ausstellung im Würzburger Museum im Kulturspeicher sieht, glaubt zunächst, der vollendeten Leidenschaftslosigkeit gegenüberzustehen. Mit lauter prominenten Namen und vielen prominenten Aufnahmen deckt die Schau das Spektrum westdeutscher Schwarzweißfotografie zwischen dem Ende des Kriegs und dem Mauerfall mit geradezu enzyklopädischem Eifer ab. Reportage und Porträts, Sachfotografie und Mode, Stillleben und Selbstinszenierungen, Dokumentation und Konzeptkunst – alles vorhanden. Wobei sich die Präsentation alle Mühe gibt, innerhalb der auseinanderdividierten Bildgattungen auch noch den Bildautoren selbst jeweils ihren eigenen Platz zu geben, was den lexikalischen Eindruck verfestigt.

          Zurück zur Stunde Null

          Dabei beginnt die Präsentation mit den ältesten Fotografien der Sammlung, Aufnahmen des Bildjournalisten Hilmar Pabel, der 1947 einen glücklichen, aber erschöpften Kriegsheimkehrer vom Bahnhof bis in sein Elternhaus begleitet hat, um die Stunde Null zu dokumentieren. Alles, was in der Ausstellung zu sehen ist, hat hier seine Wurzeln. Die Hoffnung auf einen Neubeginn ebenso wie das Gefühl von Zweifel und Scham oder der Versuch der Verdrängung und später der unbedingte Wille, abzurechnen mit der Elterngeneration.

          Abgeräumt: Untersberg von Verena von Gagern, 1976 Bilderstrecke
          Geschichte der Fotografie : Geist der Zeit

          Bringt man deshalb Michael Schupmanns Sammlung für ein Gedankenspiel in chronologische Reihenfolge, schimmert dahinter gleichsam als Wasserzeichen eine Biographie auf. Es ist, als habe der ehemalige Arzt aus der nordhessischen Provinz die Bilder dafür benutzt, sich seiner Lebensgeschichte zu vergewissern, womit er zugleich vom Zeitpunkt seiner ersten Käufe, 1989, zurückschaut auf die Geschichte der Bundesrepublik. Dabei ergänzen sich die Felder Gesellschaft und Politik, Wirtschaft und Kunst nicht nur, sie sind regelrecht ineinander verflochten.

          Elegant auf der Straße

          In Willi Moegles sachlich modern fotografiertem Kaffeeservice der Marke Arzberg aus den fünfziger Jahren mag ebenso ein Stück Erinnerung stecken wie in Hubs Flöters Aufnahmen von Mannequins der Haute Couture jener Tage. Die Aufnahmen der Serie „Die Deutschen“ von Stefan Moses zeigen ein Jahrzehnt später vielleicht zum letzten Mal die fröhliche Runde zufriedener Figuren des Wirtschaftswunders, während nur einen Wimpernschlag später in Will McBrides Bild-Essays die Jugend neue Lebensformen ausprobiert und auf Barbara Klemms Ein-Bild-Reportagen dann vollends auf die Barrikaden geht. Wilhelm Schürmann entlockt den Bausünden deutscher Städte den Reiz konstruktivistischer Kompositionen, während Detlef Orlopp seine Kamera mit einmaliger Ausdauer und Konsequenz immer wieder auf Wasseroberflächen richtet, um den Wellen und Reflexen stets neue, magische Momente zu entlocken.

          Wie sehr Fotokünstler den Geist der Zeit auch jenseits einer dokumentierenden Darstellung zu bannen vermögen, belegten bereits die Arbeiten der Gruppe fotoform, die mit abstrakten Motiven verzaubernder Schönheit ihre traumatischen Erlebnisse an der Front zu kompensieren versuchte, während Andreas Müller-Pohle ein halbes Menschenleben später die digitalisierte Welt in die Zahlenkolonne ihrer Daten überträgt.

          Op Art am Strand

          Mit überragenden Beispielen der Konkreten Fotografie schafft die Sammlung Schupmann sogar eine Klammer zur großartigen Dauerpräsentation des Würzburger Museums, der Konkreten Kunst mit Beispielen aus aller Welt. Zugleich schlägt sie damit jedoch äußerst spielerisch den Bogen zu den Modefotos, in denen sich die Muster der Op-Art bei F. C. Gundlach auf einem Badeanzug und bei Charlotte March auf einem Mini-Kleid wiederfinden. Somit beantwortet die Ausstellung wie nebenher auch die Frage, wozu Fotografie alles in der Lage ist. Und tritt zugleich den Beweis an, dass die Konzentration auf deutsche Fotografen keine Beschränkung bedeutet. Das womöglich ist die größte Leistung dieser Sammlung und dieser Bilderschau.

          Für den deutschen Kunst- und Auktionsmarkt, der sich nur allzu gern einem internationalen Kanon beugt und sicher nicht zuletzt der hohen Preise wegen nach Amerika und Japan schielt, könnten sie einen Anschub bedeuten. Fehlt nur noch ein Slogan.

          Schupmann Collection – Fotografie in Westdeutschland. Museum im Kulturspeicher, Würzburg; bis zum 25. Oktober. Der reich bebilderte Katalog kostet 29 Euro.

          Weitere Themen

          2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie Video-Seite öffnen

          Bei Auktion : 2,9 Millionen für Mona-Lisa-Kopie

          Auf einer Versteigerung wurden 2,9 Millionen Euro für eine Kopie des Meisterwerks von Leonardo da Vinci gezahlt. Nach Angaben des Auktionshauses Christie's handelt es sich dabei um einen Rekordpreis für eine derartige Replik.

          Topmeldungen

          Erholung im Low-Covid-Sommer vor der vierten Welle: Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt.

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Unser Team ist dezimiert“

          In Deutschland sinken die Fallzahlen. Oberarzt Cihan Çelik berichtet, wie es jetzt auf der Isolierstation im Klinikum Darmstadt aussieht, was mit der Delta-Variante auf uns zukommt und wie sinnvoll die Maskenpflicht noch ist.
          Die 28 Jahre alte Annalena Baerbock 2009 auf dem Landesparteitag von Bündnis90/Die Grünen in Angermünde (Uckermark).

          Buch von Annalena Baerbock : Ein konsensfähiges Leben

          Wenn irgendwo was rumliegt, räumt sie es auf: Wie Annalena Baerbock in ihrem Buch „Jetzt“ die neue Rolle der Grünen zu verkörpern versucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.