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Mary Heilmann zum 80. : Weltschmerz am Strand

  • -Aktualisiert am

Mary Heilmann 2016 vor „Primalon Ballroom“ in London Bild: Picture-Alliance

Eine unerschrockene Mischung aus Jugenderinnerungen, Sinneseindrücken und tiefem Gefühl: Mary Heilmann, ein der einflussreichsten Malerinnen abstrakter Kunst, zum 80. Geburtstag.

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          Ihren Bildern gab Mary Heilmann schon früh Namen wie „Del Mar“, „Night Swim“ oder „The Big Wave“, sie spielte damit auf prägende Erlebnisse ihrer Jugend an, die sie als begeisterte Schwimmerin an den Stränden der amerikanischen Westküste verbracht hatte. Andere, ebenfalls ungegenständliche Gemälde benannte sie nach Lieblingscocktails wie „Surfing on Acid“, Road Trips wie „Woody’s Truck Stop“ und verflossenen Liebschaften wie „Save the Last Dance for Me“ (nach dem Song der „Drifters“) - oder dem Tod eines engen Freundes, des Bildhauers Gordon Matta-Clark: „The End“.

          Unerschrocken mischte Heilmann anekdotische Dinge wie Liebeskummer und Weltschmerz, die Begeisterung für den Nummer-Eins-Hit in den Charts und das Saturday-Night-Fever einer Abstraktion unter, als diese noch Erhabenheit ausstrahlen oder nur „sich selbst bedeuten“ sollte. Den Kanon, wie er von Piet Mondrian, Ellsworth Kelly oder Barnett Newman inauguriert worden war, verwandelte Heilmann in einen ungemein relaxten, persönlich gefärbten, auch feministisch lesbaren Jargon und avancierte damit zu einer der einflussreichsten Malerinnen ihrer Zeit, nachdem sie 1968 nach New York gekommen war - um hier die Regungen der Postmoderne begierig aufzugreifen und dann selbst tatkräftig in der Malerei zu befördern.

          Sie siedelte die geometrische und informelle Malerei im Bilderalbum ihrer eigenen Lebenswelt an und verschmolz autobiographische mit kunsthistorischer Erinnerung. Entstanden ist daraus ein Oeuvre von energiegeladenem, farbgesättigtem Duktus, angereichert mit Bildwitz und Ironie, verwickelt in dauernde, durchaus lustvolle Reflexion der Stilprinzipien des Modernismus.

          "Mary Heilmann & David Reed. Two By Two" im Hamburger Bahnhof in Berlin (2015)
          "Mary Heilmann & David Reed. Two By Two" im Hamburger Bahnhof in Berlin (2015) : Bild: Picture-Alliance

          Die 1940 in San Francisco geborene Künstlerin musste auf Erfolg nicht ganz so lange warten und über neunzig Jahre alt werden wie ihre New Yorker Kollegin Carmen Herrera, bis man an ihrem Werk nicht mehr vorbeikam, auch sie aber, die in Santa Barbara Poesie und Keramik studiert hatte, erhielt die ihr gebührende Aufmerksamkeit erst in den späteren neunziger Jahren, als ihr im Haus konstruktiv in Zürich eine vielbeachtete Schau gewidmet wurde. Zu entdecken galt es damals eine Malerin, die selbst die Farbe Blau zum Glühen bringen konnte und der kaum ein Kontrast von Pink und Rot und Grün zu schrill, zu gewagt erschien, um nicht doch in der Matrix von De Stijl und Color Field Painting ausprobiert zu werden. Dies mit tropfender Farbe, die jeden Hard-Edge-Painter grausen lassen würde.

          Noch immer lotet die Künstlerin ergiebig die Lücken und Blindflecken im Weltbild des Modernismus aus und schöpft aus einer Abstraktion jenseits von Autonomie und Essentialismus. Näher als der strenge philosophische Entwurf steht ihr der Widerschein persönlicher Emotion in einer Malerei, die den Reichtum an Lebenserfahrung und die Winkelzüge der Existenz in lässigem Slang auf den Punkt bringt. Am heutigen Freitag wird Mary Heilmann achtzig Jahre alt.

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