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Schau Wilhelm Sasnal Warschau : Die verlorene Unschuld von Kohlköpfen

  • -Aktualisiert am

Widerständig: Der 1921 in Hannover als Sohn polnisch-jüdischer Eltern geborene Herschel Grynszpan in der Sicht Wilhelm Sasnals Bild: Courtesy of the artist and Foksal Gallery

Wilhelm Sasnal zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern Polens. Im Warschauer Museum Polin spürt er den sichtbaren und unsichtbaren Abgründen der polnischen Landschaft nach.

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          Die malerische Geste entstammt der Pop-Art, umso mehr schockiert das Motiv: Eine Frau schaut aus einem Auto heraus mit aufgewühltem Blick auf die Tore des Vernichtungslagers Auschwitz, im Außenspiegel schimmern sattgrüne Wiesen. Sie gehört nicht zu den Millionen Besuchern, die jedes Jahr zu der Gedenkstätte pilgern. Als Krakauerin kommt sie gelegentlich auf dem Heimweg an diesem historisch aufgeladenen Ort vorbei, wie einmal nach einer Silvesterparty, die sie mit ihrem Mann Wilhelm Sasnal besucht hatte. Der weltbekannte Maler und Filmemacher verwendete den fotografisch eingefangenen Moment für eines seiner neuesten Gemälde, das jetzt im Warschauer Museum Polin zu sehen ist.

          Das Gewicht der polnischen Landschaft zieht sich durch sein Werk wie ein blutbefleckter roter Faden. Der Achtundvierzigjährige setzt sich seit zwei Jahrzehnten mit der Vergangenheit auseinander, was auch daran liegen mag, dass Teile der polnischen Gesellschaft, darunter die gegenwärtige Regierung, einen selektiven Blick auf ihre eigene Rolle pflegen. Wie schwer es für manche immer noch ist anzuerkennen, dass das Land einerseits Opfer von Nazideutschland wurde, es aber andererseits nicht wenige Polen gab, die sich an der Ausplünderung und Ermordung der polnischen Juden beteiligten, davon handeln die rund sechzig Gemälde und Zeichnungen in der Ausstellung „Solch eine Landschaft“.

          Der Schrecken fährt mit: Wilhelm Sasnals „First of January (back)“, 2021.
          Der Schrecken fährt mit: Wilhelm Sasnals „First of January (back)“, 2021. : Bild: Courtesy of the artist and Foksal Gallery

          Sasnals letzte Einzelausstellung in Polen in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta ist vierzehn Jahre her. Dass er jetzt die lange Phase der Abwesenheit im Polin beendet, dem Museum der Geschichte der polnischen Juden im Herzen des ehemaligen jüdischen Viertels und des späteren Ghettos, darf man getrost als Kampfansage an alle Leugner und Relativierer deuten. Denn nichts ist in dieser Ausstellung so, wie es scheint, nicht die Bahngleise, die quer durch die Landschaft verlaufen, nicht der Haufen Kohlköpfe, eigentlich ein harmloses, beinahe abstraktes Stillleben, das in der Nachbarschaft zu den anderen Gemälden zu einem Schädelberg in einem Massengrab gerät.

          Unschuld vom Lande? Sasnals Kohlköpfe aus dem Jahr 2021.
          Unschuld vom Lande? Sasnals Kohlköpfe aus dem Jahr 2021. : Bild: Courtesy of the artist and Foksal Gallery

          Sein Interesse an jüdischen Themen komme von einem unbewussten Gefühl der Abwesenheit, sagt Sasnal. „Oder vielleicht wegen der Schuld, die ich trage, ein Pole zu sein, der in der christlichen Tradition erzogen wurde.“ Deshalb sind auch die Menschen auf den Porträts natürlich nicht zufällig ausgewählt. Da wäre der „braune Bischof“ Alois Hudal, der NS-Verbrechern nach dem Krieg zur Flucht verhalf. Oder Pater Trzeciak, einer der führenden Ideologen des Vorkriegs-Antisemitismus, flankiert vom französischen Maler Edgar Degas, einem heftigen Judenhasser, der den Bogen zum europäischen Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts spannt. Gleich mehrere Akteure tauchen wenige Schritte weiter in der monumentalen Chronik „Die Synagoge in Mościce“ auf. Mit schwarzer Tinte lässt Sasnal darin die Geschichte seines Heimatbezirks Tarnów Revue passieren, bis in die fiktionale Zukunft von 2028, in der eine modernistische Synagoge erbaut worden ist. Die alternative Vision hat es in sich, denn der Holocaust hat hier nie stattgefunden, und in Polen und Deutschland wurden Anfang der Vierzigerjahre Kibbuzim statt Konzentrationslagern errichtet.

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